Wie untot ist der italienische Faschismus?

Rezension des Buches von Luciano Canfora, „Der untote Faschismus. Mussolini und der fruchtbare Schoß der ῾freien Welt῾“, PapyRossa Verlag, ISBN 978-3-89438-843-0, 12,- Euro  

Im April 2024 erregte ein Zivilprozess in der süditalienischen Stadt Bari internationale Aufmerksamkeit. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtete mit Bild darüber: „Da kommt er. In kleinen Schritten, vom Alter gebeugt, gestützt auf den Gehstock und den Arm seines Anwalts Michele Laforgia. Der Wind fährt durchs schlohweiße Haar. Reporter richten die Kamera auf ihn und halten ihm das Mikrofon unter die Nase. Luciano Canfora, 81 Jahre alt, ist emeritierter Professor der Universität Bari, Altphilologe und Althistoriker von internationalem Renommee. Sein 1987 erschienenes Buch über die „verschwundene Bibliothek“ von Alexandria wurde in 15 Sprachen übersetzt.“ [1] Luciano Canfora ist aber nicht nur ein weltweit anerkannter Historiker. Im Unterschied zu vielen anderen linken Wissenschaftlern hielt er nach der Wende von 1989/91 und dem Ende der einst mächtigen Kommunistischen Partei Italiens an seinen marxistischen Positionen fest. So lässt er es sich auch nicht nehmen, die historischen Leistungen Stalins zu rühmen. Canfora bezeichnet sich selbstbewusst als Kommunist.

Mit dem 2018 verstorbenen Domenico Losurdo verband ihn vieles. Beide besuchten dasselbe Gymnasium in Bari, wurden Kommunisten und wie Canfora hielt auch Losurdo das marxistische Erbe lebendig. Für dessen Buch „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“ schrieb Canfora das Essay „Von Stalin zu Gorbatschow: Wie ein Imperium zu Ende geht“. Aufsehen sorgte sein Buch „Eine kurze Geschichte der Demokratie Von Athen bis zur Europäischen Union“. Dem Beck-Verlag passte das von ihm in Auftrag gegebene Buch nicht in sein Weltbild. Das Werk wurde abgelehnt. Veröffentlicht wurde es schließlich im PapyRossa Verlag. [2] Dort erschienen in den letzten Jahren weitere Bücher von Canfora zu unterschiedlichen Themen. Zuletzt 2026 das Essay „Das stählerne Stachelschwein. Häutungen des Westens.“

Bei dem Prozess in Bari ging es um einen Rechtsstreit zwischen Luciano Canfora und der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. In einer Veranstaltung zum Ukrainekrieg im April 2022 hatte er die damalige Oppositionspolitikerin und Parlamentsabgeordnete Meloni als „Neonazi im Herzen“ bezeichnet und als „armes Ding, das man wie eine sehr gefährliche Verrückte behandeln“ müsse. Diese Aussage fand ein breites Medienecho. Sie führte zu Melonis Anzeige wegen „diffamazione“ (Verunglimpfung). Sie trat in dem Verfahren als Nebenklägerin auf und verlangte Schmerzensgeld von 20.000 Euro. Am Ende zog sie aber die Klage zurück, ganz offensichtlich scheute sie eine öffentliche Debatte, sowohl über ihre Vergangenheit als auch über ihre gegenwärtige politische Haltung. Das Gericht stellte daraufhin am 7. Oktober 2024 das Verfahren ein.

Bereits vor der Anhörung hatte Canfora angekündigt, er werde seinen Vorwurf, die Regierungschefin sei ein „Neonazi im Herzen“ vor Gericht „beweisen“ – anhand zahlreicher Schriften und öffentlicher Äußerungen Melonis. Er versprach, die entsprechenden Schrift- und Tondokumente bei dem Verfahren als Beweismittel vorzulegen. Aus dieser Beschäftigung mit Melonis rechter Gesinnung entstand 2024 das Buch „Il facismo non è mai morto“. 2025 veröffentlichte der PapyRossa Verlag unter dem Titel „Der untote Faschismus. Mussolini und der fruchtbare Schoß der ῾freien Welt῾“ eine Übersetzung ins Deutsche.  

Nach Canfora kann man „als den ῾Kern῾ des Faschismus, jenseits weiterer und nebensächlicherer Wesenszüge, (…) die ῾rassische Überlegenheit῾ ansehen, insofern sie den Endpunkt der ständigen Überhöhung der eigenen Nation darstellt, die als ῾natürliche Gemeinschaft῾ begriffen wird. Von geringerer Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen ῾bio-logischem῾ und ῾kulturellem῾ Rassismus. Beider Wesen besteht in der Beschwörung der ῾weißen῾ Überlegenheit der euro-amerikanischen Welt, zu der man sich selber zugehörig wähnt.“ (15 f)

Waren es in der Vergangenheit die Juden, die man als Abkömmlinge einer „eingewanderten semitischen Rasse“ aus der Welt der Weißen ausschloss, so sind es heute vornehmlich die Einwanderer aus dem muslimischen Raum, die als fremd angesehen werden. Für die AfD-Vorsitzende Alice Weidel sind die – natürlich stets jungen muslimischen - „Messermänner“ das Feindbild schlechthin.

Wie es in einem Land zugeht, in dem die Geistesverwandten der AfD bereits an der Macht sind, zeigt sich heute in Melonis Italien. Dort errichtete man in Albanien Lager, in die die in Italien angelandeten Asylbewerber bis zur Entscheidung über ihr Verfahren untergebracht werden sollten. Eine Regelung, auf die sich inzwischen auch die EU in ihrem Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS) in Gestalt der neuen Rückführungsverordnung verständigt hat, wonach die Asylverfahren künftig vor allem in afrikanischen Ländern stattfinden sollen. Ob aber dieser Plan am Ende Realität wird, ist ungewiss. Die italienische Regierung erlitt jedenfalls mit ihrem Albanienplan Schiffbruch: Gerichte ordneten die Rückholung der Asylbewerber an.

Der Rassismus, die Fremdenfeindlichkeit vor allem gegenüber Muslimen, ist der ideologische Dreh- und Angelpunkt der Rechtsregierung Meloni. Ende September 2026 wurde bekannt: „Italiens Regierung hat ein Verbot von Burkas und Nikabs an Schulen sowie neue Obergrenzen für ausländische Schüler mit unzureichenden Italienischkenntnissen beschlossen. Ausländer mit mangelnden Sprachkenntnissen sollen künftig höchstens 30 Prozent einer Klasse ausmachen (…).“ [3] Die Anordnung erfolgte per Dekret und nicht im ordentlichen parlamentarischen Verfahren. Dekrete sollen gemäß der italienischen Verfassung nur in Notfällen zur Anwendung kommen. Ein solcher „Notfall“ stellt aber ganz offensichtlich die neue Konkurrenz der noch weiter rechts stehenden Partei Futuro Nazionale (FN) des Reservegenerals Roberto Vannacci dar. Sie gehört nicht der Regierungskoalition an und hat zuletzt in Umfragen deutlich zugelegt. Die FN hatte bereits im Juli ein schärferes Vorgehen gegen Burkas an Schulen gefordert. Da für 2027 Parlamentswahlen in Italien anstehen, übernahm Meloni jetzt deren Forderungen.  

Ausführlich geht Canfora auf die Feierlichkeiten im Jahr 2023 anlässlich des Gedenkens an den Anschlag vom 2. August 1980 im Hauptbahnhof von Bologna ein, bei dem 85 Menschen starben und über 200 verletzt wurden: „In ihrer Rede sagt Ministerpräsidentin Meloni: ῾Die neofaschistische Urheberschaft des Anschlages ist in den Prozessen festgestellt worden῾. Außerdem prangert sie die ῾Deckung und die unwürdigen Irreführungen῾ seitens der P2 und ῾illoyaler Agenten der Staatsapparate῾ an. Und dennoch fügt sie hinzu: ῾Die Suche nach der umfassenden Wahrheit ist eine Pflicht, die nicht erlischt῾“ (75). Und sie erklärte: „῾Am 2. August 1980 hat der Terrorismus Italien und dem italienischen Volk einen seiner grausamsten Schläge versetzt῾. Es sei eine Verpflichtung, ῾die Wahrheit über die Anschläge herauszufinden῾ und sie präzisiert, dass das Ziel, das es diesbezüglich zu erreichen gelte, jenes sei, sämtliche bislang der ῾Geheimhaltung unterliegenden Akten offenzulegen῾. (…)“. (75 f.)  

Canfora zieht daraus den Schluss: „῾Der Terrorismus hat Italien (einen grausamen Schlag) versetzt῾ ist eine Aussage, die weitestgehend offen lässt und vielleicht sogar die Möglichkeit beschwört, dass es sich um ausländischen Terrorismus handele.“ (76) Und dieser Bezug auf das Ausland verwies natürlich auf den aus arabischen Ländern kommenden Terrorismus, als verantwortlich ins Visier genommen wird dabei vor allem der damalige libysche Präsident Muammar Gaddafi.

Tatsächlich sind aber die Ermittlungen bereits im November 2020 von der Staatsanwaltschaft Bologna abgeschlossen worden. Mehrere Mitglieder der neofaschistischen „Bewaffneten Revolutionären Zellen (NAR)“ wurden als unmittelbare Täter zu langen Haftstrafen verurteilt. In den 2020er Jahren stellten Ermittlungen und Urteile der Generalstaatsanwaltschaft darüber hinaus fest, dass das Attentat kein isolierter Akt der NAR war, sondern ein von langer Hand geplanter Teil der sogenannten „Strategie der Spannung“. Die italienische Justiz stuft das Massaker von Bologna somit als ein „Staatsmassaker“ (strategia della tensione) ein, bei dem neofaschistische Terroristen als Werkzeuge für politische Interessen eingesetzt wurden, die von reaktionären Zirkeln und Teilen des Sicherheitsapparates geschützt wurden. [4] Die Forderung von Meloni „die Wahrheit über die Anschläge herauszufinden“ soll heute die rechtsradikale Verantwortung für die Tat erneut infrage stellen und zugleich die antimuslimische Propaganda der Rechtsregierung befeuern.

Nach Canfora ist es ganz offensichtlich das Ziel Melonis, die faschistische Vergangenheit Italiens Schritt um Schritt zu rehabilitieren und den Rechtsextremismus anschlussfähig an die liberale Mitte zu machen. Dazu gehört auch die Gewöhnung der Italiener an die alte faschistische Symbolik. Immer wieder wird darüber berichtet, wie Mitglieder ihrer Partei den faschistischen Gruß zeigen. Melonis Partei, „Die Gebrüder Italiens“ (Fratelli d῾ Italia) hat sich als Symbol ausgerechnet die Flamme in den Farben Italiens gewählt, jenes Symbol der neofaschistischen Partei MSI (Movimento Sociale Italiano)  die am 26. Dezember 1946 von ehemaligen Funktionären und Anhängern der von Mussolini geführten Italienischen Sozialrepublik gegründet worden war.

Canfora zitiert Meloni aus ihrer Rede zur Amtseinführung vor den Kammern am 22. Oktober 2022: „῾Ich komme aus einer politischen Geschichte, die oft an den Rand der Geschichte der Republik gedrängt wurde῾. Und in einem Interview erklärte sie: „῾Ich habe meine Ideen, ich verleugne sie nicht, im Movimento Sociale Italiano bin ich lange Zeit aktiv gewesen.῾“ (68) Nach Confora ist von diesen beiden Bekenntnissen „das erste wohl aussagekräftiger. Jedermann wird verstehen, dass die Behauptung, der Movimento Sociale Italiano sei ῾an den Rand der Geschichte der Republik verwiesen worden῾, zugleich bedeutet, eine solche ῾Ausgrenzung῾ zu beklagen, ja sie als eine negative politische Tatsache zu bezeichnen, aber auch als einen Akt der Willkür. In jenen Worten drückt sich also ein negatives Urteil hinsichtlich der Geschichte der Italienischen Republik aus, soweit es den ῾ausgegrenzten῾ Neofaschismus betrifft. Auch ihre wiederholte Forderung nach einer ῾Aussöhnung῾, die darauf zielt, den Bürgerkrieg von 1943-45 zu beenden, ist bezeichnend für ihren unerschütterlichen Glauben. Man fordert in der Tat ῾Aussöhnung῾, wenn man davon ausgeht, dass die beiden sich seinerzeit bekämpfenden Parteien ethisch und auch politisch nach denselben Kriterien zu beurteilen sind und dass man sie eben ῾zu versöhnen῾ beabsichtigt. Etwas anderes ist die Amnestie, aber die hat es bereits gegeben.“ (68 f.)

In Deutschland ist der AfD-Politiker Alexander Gauland mit der Behauptung hervorgetreten, dass der deutsche Faschismus nur ein „Fliegenschiss“, also eine zu vernachlässigbare Größe, eine quantité négligeable, sei, die man daher getrost abhaken und vergessen könne. In Italien und in Deutschland sind die Melonis und Gaulands bestrebt, die Erinnerungskulturen nachhaltig zu beeinflussen, um so die Verbrechen der Faschisten beider Länder im grauen, gleichmacherischen Geschichtsnebel verschwinden zu lassen. So wird suggeriert, dass alte und neue Verehrer des NS-Regimes zum akzeptierten politischen Spektrum dazugehören und in der AfD ihren Schutzpatron sehen können. Absicht dabei ist, eine maximale Ausnutzung des rechten Wählerpotentials zu erreichen. In der Aktivierung inzwischen heimatlos gewordener rechtsradikaler Nicht- bzw. Wechselwähler, die in der Vergangenheit zum Reservoir von CDU/CSU gehörten, sieht die AfD denn auch ihre Chance, die Unionsparteien zu zermürben und schließlich in eine Zusammenarbeit mit ihr zu zwingen. Das Vorbild ist Italien, wo diese Konstellation bereits Realität ist: Die sich offen auf die Tradition des Faschismus berufende Partei Melonis führt dort eine Koalitionsregierung zusammen mit der rechtspopulistischen Lega und der christdemokratischen Forza Italia als Juniorpartner. So soll es nach dem Willen der Weidels und Co. auch in Deutschland kommen.

Es ist daher absurd zu behaupten, dass „wir in Italien seit drei Jahren eine offen faschistische Regierung haben.“ [5] Und sollte es einmal eine AfD-geführte Bundesregierung geben, so würde auch sie mit Sicherheit keine Wiederkehr der NS-Diktatur bedeuten. Im Ergebnis wäre es aber eine deutliche Rechtsverschiebung, die die totgeglaubte braune Vergangenheit in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lassen würde: „Auf jeden Fall lebt überall ein ῾untoter Faschismus῾, eine Formulierung, die den Zusammenhang von alten und neuen Erscheinungen reflektiert.“ [6]

Das gegenwärtige Italien zeigt denn auch „die Leichtigkeit, mit der die Kräfte der extremen Rechten die liberalen Verfassungen und Institutionen zu ihrem Vorteil nutzen. Sie müssen sie nicht dramatisch verdrängen. Es besteht keine Notwendigkeit, den Reichstag anzuzünden (1933) oder einen Marsch auf Rom zu veranstalten (1920). Rechtsextreme Regierungen arbeiten auf der Grundlage einer liberalen Verfassung, die ihrer Herrschaft kein Hindernis zu sein scheint.“ [7] Und wenn die jeweiligen Gesetze den Rechtsextremen doch einmal nicht genügend Raum geben, nutzen sie ihre Mehrheiten, um sie in ihrem Sinne zu verändern. So geschehen kürzlich in Italien, wo im Abgeordnetenhaus die rechte Mehrheit eine Wahlrechtsreform durchsetzte. Nach ihr sollen die Parteien, die eine Koalition mit mehr als 42 Prozent bilden können, zusätzlich 70 Sitze erhalten. Auf diese Weise soll gesichert werden, dass Melonis Rechtskoalition an der Macht bleibt, selbst wenn sie weniger Stimmen erhält, als die verschiedenen Oppositionsparten zusammengenommen. [8]

Das kleine Buch von Luciano Canfora ist nicht leicht zu lesen. Die einzelnen Kapitel beziehen sich leider kaum aufeinander, da sie jeweils ganz unterschiedliche Themen behandeln. Neben der aufschlussreichen Darstellung der gegenwärtigen Situation in Italien gibt es auch Abschnitte, etwa zu Deutschland, die Längst bekanntes wiederholen.

Sehr hilfreich sind die zahlreichen erläuternden Anmerkungen der beiden Übersetzer Christel Buchinger und Thomas Hohnerlein. Sie tragen wesentlich dazu bei, die gegenwärtige Situation in Italien verstehen zu können.

 



[1] Der alte Mann und die „Nazi-Keule“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18.04.2024
[2] Luciano Confora, Eine kurze Geschichte der Demokratie. Von Athen bis zur Europäischen Union, Köln 2006
[3] Burka-Verbot und Sprachquote an Schulen, in: ntv vom 25.09.2026
[4] Vgl. Wikipedia Eintrag „Anschlag von Bologna“ vom 03.10.2026, https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_von_Bologna
[5] So aber Bernd Kant, Extreme Rechte in Europa. Vernetzungen auf dem Weg zu Macht und Einfluss, in: Marxistische Blätter 1_2026, S. 67
[6] Manfred Weißbecker, Der historische Faschismus und frühe marxistische Deutungen – Schnee von gestern oder doch beachtenswert? In: Zeitschrift marxistische Erneuerung  Z., Nr. 146, Juni 2026, S. 43  
[7] Vijay Prashad, (Neo-)Faschisten: Extreme Rechte der besonderen Art, in: Marxistische Blätter, 3_2026, S. 27f.
[8] Vgl. Meloni bekommt ihre Wahlrechtsreform, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 09.10.2026

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