Ein anderer Blick auf Russland. Zur Neuausgabe des Buches von Sebastian Haffner “Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“

Sebastian Haffner war Journalist, zunächst in Berlin und nach seiner Flucht 1938 vor den Nazis in Großbritannien. 1954 kehrte er nach in Deutschland zurück. Seine im Feuilletonstil stets ohne Fußnoten und Literaturhinweise geschriebenen historischen Essays, etwa über Hitler [1] oder die deutsche Revolution [2], erreichten, anders als wissenschaftliche Abhandlungen, Massenauflagen. Haffner schrieb immer spannend, vor allem aber pointiert. Er bezog stets eine klare politische Haltung, oft im Widerspruch zum offiziellen Mainstream. Seine Bücher waren über Jahrzehnte eine Fundgrube für Linke.

Es ist daher zu begrüßen, dass der Hanser Verlag jetzt sein Buch „Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“ erneut herausgebracht hat.[3] Die Erstausgabe erschien bereits 1968 im Rowohlt-Verlag. Zuvor war die Studie als Serie im Journal „Stern“ abgedruckt worden. Der Schweizer Manesse Verlag veröffentlichte 1988 eine gekürzte Ausgabe mit dem Untertitel „Die deutsch-russischen Beziehungen vom 1. zum 2. Weltkrieg“.

Die zweite Auflage des lange Zeit vergessenen Buches kommt zum richtigen Zeitpunkt. Das deutsch-russische Verhältnis ist erneut auf einem Tiefpunkt angelangt. Berlin hat sich im Krieg zwischen Russland und der Ukraine ganz auf die Seite Kiews gestellt. Mit umfangreichen Waffenlieferungen, Entsendung von Beratern sowie massiver Finanzhilfe zugunsten der Ukraine führt Deutschland quasi seinen eigenen Krieg gegen Russland. Allein deutsche Truppen fehlen noch. Das Kämpfen überlässt man einstweilen den Ukrainern.

Haffner zeichnet die deutsch-russischen Beziehungen über einen Zeitraum von gut sechzig Jahren nach, von der russischen Revolution bis zur Berlin-Krise. Die Studie endet 1963, also vor Beginn der Entspannungspolitik und lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und doch sind die Urteile von Haffner nicht veraltet, sie sind vielmehr heute aktueller denn je.

Am Beginn widmet sich der Autor ausführlich der bis heute erstaunlichen Reise Lenins mitten im Ersten Weltkrieg quer durch das Deutsche Reich aus dem Exil in Zürich nach Sankt Petersburg, wo er direkt nach seiner Ankunft die April-Thesen zur Revolutionierung Russlands verkündet.[4] Da die Oktoberrevolution ohne die überragende Führerschaft Lenins nicht vorstellbar ist, war es demnach das Deutsche Kaiserreich, das dieses Weltereignis überhaupt erst möglich gemacht hat. Haffner beschreibt, dass diese Hilfe keineswegs eine spontane Idee unterer Chargen des Reiches war. Spätestens seit 1915 verfolgten der Kaiser höchstselbst, die Reichsregierung sowie die Oberste Heeresleitung das Ziel, durch Unterstützung oppositioneller Kräfte – egal welcher Richtung - in Russland Chaos und Verwirrung zu stiften, schließlich hatte man in Berlin im Blick, dass die russische Revolution von 1905 erst zehn Jahre zurück lag und das Riesenreich enorm geschwächt hatte.

Ziel des deutschen Vorgehens war aber nicht etwa die Unterstützung demokratischer oder gar sozialistischer Kräfte zur Schaffung eines fortschrittlichen Russlands, sondern seine Schwächung, um auf diese Weise seine Niederlage im Weltkrieg zu erreichen. Dann wäre der Weg frei für deutsche Eroberungen im Osten gewesen. Ins Visier hatte man den russischen Teil Polens, die baltischen Staaten, Finnland, vor allem aber die Ukraine. Die Angliederung bzw. Abhängigmachung dieser Gebiete waren 1914 die deutschen Kriegsziele im Osten, und sie blieben es bis zum Zusammenbruch des Kaiserrechts im November 1918. Hitler radikalisierte zwanzig Jahre später dieses Programm, indem er über die Kriegsziele von 1914 weit hinausging und in Russland in kolonialistischer Manier sein „deutsches Indien“ [5] schaffen wollte.

Heute geht es zwar nicht mehr um die Erweiterung deutschen Territoriums im Osten, doch Länder wie Belarus und die Ukraine sollen nun in die von Deutschland dominierte Europäische Union mit Hilfe des EU-Projekts der „Östlichen Partnerschaft“ integriert werden. Mit der Aufnahme möglichst vieler Staaten der früheren Sowjetunion in die EU, zumindest als assoziierte Länder, erhält in erster Linie das deutsche Kapital dort Zugang zu Rohstoffen, landwirtschaftlichen Produkten, Arbeitskräften und Absatzmärkten. Mit dem Beitritt der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen zur EU ist dies bereits geglückt. Heute geht es darum, sich die Ukraine zu sichern.

1917 ging die Rechnung des Deutschen Reiches auf: Lenins Bolschewiki eroberten die Staatsmacht zu dem Preis, dass sie ihren erfolgreichen Parolen auch Taten folgen lassen mussten. Dazu gehörte vor allem der sofortige Friedensschluss mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk Ende 1917/Anfang 1918 mit den Achsenmächten sollten aber für das revolutionäre Russland zu einem einzigen Desaster werden. Die Deutschen wischten die Forderungen der Bolschewiki nach Frieden, Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie Verzicht auf Annexionen und Entschädigungen vom Tisch und präsentierten stattdessen ihr Ultimatum: „Ein gewaltiges Ost-Imperium aus dem Fleisch des Russischen Reiches herauszuschneiden.“ (32) Die revolutionäre Regierung wurde gezwungen, auf den russischen Teil Polens, das Baltikum, Teile Weißrusslands sowie auf die Ukraine zu verzichten, sogar Finnland ging dem russischen Einfluss verloren.

Die Bolschewiki standen blamiert da. Ihr Umsturz, gedacht als Auftakt zur Weltrevolution, hatte stattdessen zu einer schmachvollen, beispiellosen Demütigung Russlands geführt. Und doch setzte Lenin – wenn auch mit einer äußerst knappen Mehrheit im Zentralexekutivkomitee „ganz buchstäblich unter Heulen und Zähneklappern“ (47), schließlich die Zustimmung zum Frieden von Brest-Litowsk durch. Nach Haffner erwies „Lenin in diesem Augenblick wieder dieselbe fast übermenschliche Demut vor Tatsachen und Notwendigkeiten, dieselbe Fähigkeit zur krötenschluckenden Selbstverleugnung wie ein Jahr zuvor, als er um der Revolution Willen das Bündnis mit dem deutschen Kaiserreich akzeptiert hatte, ohne nach Schande und Ehre zu fragen“. (39) Die Bewunderung Haffners für „Lenins hartem, machiavellistischen Realismus“ (76) durchzieht das ganze Buch. Ganz anders sein Urteil über Rosa Luxemburg: „Lenin wollte die Macht und den Sieg, und die bekam er. Rosa Luxemburg hasste im Grunde die Macht, und sie hat denn auch keinen Sieg vorzuweisen, nur einen Märtyrertod. Freilich, auch der wirkt weiter.“ (76 f.)

Doch selbst der Knebelungsvertrag von Brest-Litowsk reichte den deutschen Kriegsherren nicht. Bis zum Sommer 1918 stießen deutsche Truppen weit über die vereinbarten Grenzen in Russland vor. Bald bedrohten sie die Hauptstadt Sankt Petersburg. Die russische Regierung wurde so gezwungen, am 28. August 1918 einen Zusatzvertrag zum Brest-Litowsker abzuschließen: „Russland musste weitere Gebiete abtreten, sechs Milliarden Goldrubel Kriegsentschädigung zahlen, große Mengen an Rohstoffen und Getreide sowie ein Drittel seiner Erdölproduktion an Deutschland abführen. Im Effekt wurde es zur deutschen Wirtschaftskolonie.“ (64)  

Haffner weist in diesem Zusammenhang auf ein Detail hin, das heute weitgehend unbekannt ist: In einer geheimen Zusatzklausel „verpflichtete sich die russische Regierung, die Entente-Truppen aus Russland zu vertreiben; und die deutsche Regierung stellte nötigenfalls Truppenhilfe in Aussicht.“ (64) Die Bolschewiki konnten also erneut auf deutsche Hilfe hoffen. Nach der Durchschleusung Lenins im Frühjahr 1917 nun im Sommer 1918 der vereinbarte gemeinsame Kampf von Reichswehr und Roter Armee gegen englische und französische Einheiten, die zusammen mit weißen Konterrevolutionären die Revolution zu ersticken suchten. Doch dazu kam es nicht mehr. Aufgrund der aussichtslosen militärischen Lage an der Westfront forderte die deutsche Oberste Heeresleitung am 29. September 1918 die sofortige Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen. Das Reich hatte den Krieg im Westen verloren. Nicht aber den im Osten, dort standen deutsche Soldaten weiterhin tief in Russland. Das Fazit Haffners lautete daher: „Das Bündnis des deutschen Kaiserreichs mit der russischen Revolution war ein unaufrichtiges und unnatürliches, aber höchst wirksames Bündnis gewesen.“ (67) Ganz anders fiel die Bilanz für die russische Seite aus: „Das Bündnis des bolschewistischen Russlands mit der deutschen Revolution war vollkommen aufrichtig, es war die natürlichste Sache der Welt; aber es sollte sich als gänzlich unwirksam erweisen.“ (67)

Lenins Bolschewiki gingen wie selbstverständlich davon aus, dass „Deutschland (…) die Führungsrolle in der Weltrevolution zugedacht (war); Russland nur die 'Initialzündung'.“ (68) Umso enthusiastischer begrüßten sie den 9. November 1918 als es endlich so weit war: Der Kaiser hatte abgedankt, die Revolution über Nacht gesiegt, wie in Russland ein Jahr zuvor übernahmen Räte die Macht. Haffner hat später, in seinem 1969 geschriebenen Buch „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19“ dieser Revolution ein vernichtendes Urteil ausgestellt, wobei er sich dem Urteil des Historikers Arthur Rosenberg anschloss, wonach in Deutschland von einer „Diktatur des Proletariats keine Rede“ sein konnte: „Die Anhänger der sozialistischen Revolultion hatten sich nicht durchsetzen können. Die bürgerliche Republik hatte in Deutschland gesiegt.“ [6] Mit den Worten Haffners: „Bekanntlich erwies sich diese deutsche Nachahmung der russischen Revolution dann doch sehr schnell als eine taube Nuss. Fast vom ersten Tage an wurde die deutsche Revolution rückläufig, bald hatte die Rätemacht zugunsten einer Nationalversammlung abgedankt, nach wenigen Monaten sah jedermann, dass die Revolution gescheitert war, und nach kaum einem Jahr war Deutschland bereits ein Hort der Gegenrevolution geworden.“ (73)

Mit der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs im Januar 1919 verlor die deutsche Revolution ihre besten Köpfe. Die von ihnen gegründete Kommunistische Partei Deutschlands geriet bald danach in den Wirkungskreis Moskaus: „Von 1920 an wurde die 'Komintern' in Moskau der 'Generalstab der Weltrevolution', der die Strategie und Taktik der deutschen und der anderen angeschlossenen kommunistischen Parteien ausarbeitete (…).“ (80 f.) „Die kommunistischen Putschversuche der folgenden Jahre aber – die mitteldeutsche 'Märzaktion' von 1921 ebenso wie der Hamburger Aufstand vom Oktober 1923 – waren ferngesteuert, am grünen Tisch in Moskau ausgedacht und von ihren örtlichen deutschen Führern mechanisch und ohne rechte Überzeugung ins Werk gesetzt. Sie passten nicht mehr in die Landschaft, sie fanden keine revolutionäre Situation mehr in Deutschland vor, und sie scheiterten noch kläglicher als die Revolution von 1918. Ihr einziges Ergebnis war, dass die kommunistische Sache von nun an als eine fremde, russische Sache diskreditiert war (…).“ (81)

Blickt man von heute zurück, so ist festzustellen, dass es bis zum Ende des europäischen Sozialismus bei dieser Abhängigkeit deutschen Kommunisten von Moskau blieb. So war die DDR nie ein vollständig souveräner Staat. Über die deutsche Einheit entschieden am Ende allein der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl, die Regierung der DDR unter Hans Modrow hatte zu folgen. Moskau war sogar damit einverstanden, dass das vereinigte Deutschland Mitglied der NATO wurde. Für Robert Steigerwald von der DKP stand daher fest, dass der entscheidende Grund für das Ende der DDR die Tatsache war, dass sie immer „fremdbestimmt“ blieb. [7]    

Der Vertrag von Rapallo

Mit dem Friedensschluss zwischen der Sowjetunion und der deutschen Republik 1922 in Rapallo wurde eine neue Seite in den Beziehungen beider Länder aufgeschlagen. Nach Haffner wurde der Name des kleinen italienischen Badeorts in der Nähe Genuas „zu einem Schreckenswort für westliche Ohren, dessen Schockwirkung noch heute nachzittert“. (84) Der geschlossene Vertrag „war ein sachlicher Friedensvertrag – nicht mehr. Der Vertrag von Brest-Litowsk war bereits im November 1918 annulliert worden. Jetzt trat an seine Stelle ein wirklicher Friede.“ (99) Nach Haffner begründete der Vertrag von Rapallo „die nüchternste Art von Vernunftehe“. (102) Vor allem ermöglichte er eine „geheime deutsch-russische Zusammenarbeit von einer Intensität, wie sie nie zuvor zwischen zwei Staaten, selbst verbündeten Staaten, stattgefunden hat“. (104) Über Jahre konnte die Reichswehr auf russischen Truppenübungsplätzen Waffen und Flugzeuge testen. Im Versailler Vertrag war ihnen dies ausdrücklich untersagt worden. Die Sozialdemokraten erwiesen sich mit „ihrer ewigen Russophobie und ihrem ewigen Westdrall“ (117) dabei als die einzigen Störenfriede. Für Haffner war dies denn auch der eigentliche Grund für die kommunistische Diffamierung der SPD als „sozialfaschistisch“, denn „sie waren in Deutschland die Gefahr für die russischen Interessen; der Feind Russlands; sie mussten daher auch der Feind der deutschen Kommunisten sein. Basta! Dabei blieb es bis 1933.“ (117)

Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion

Bemerkenswert die Wertung des Autors, weshalb Russland den Zweiten Weltkrieg überstand und Deutschland nicht; „weil nämlich Stalins Grundgedanke vernünftig und Hitlers fantastisch war. Stalins Grundgedanke hieß: 'Sozialismus in einem Land', Hitlers: 'Lebensraum im Osten'. Stalin war, bei aller Maßlosigkeit und Grausamkeit seiner Methoden, in seinen Zielen letzten Endes ein Mann des gesunden Menschenverstandes; Hitler ein Träumer.“ (122) Haffner stellt dabei die Kontinuität zwischen dem deutschen Kaiserreich und Hitlers Dritten Reich heraus: „Der Kaiser ebenso wie Hitler hatten vor, den jeweils existierenden russischen Staat zu vernichten; der Erste, um ihn durch einen seiner Meinung nach untüchtigen und schwarmgeisterischen Staat zu ersetzen; der Zweite, um jede russische Staatlichkeit gänzlich abzuschaffen und aus den Russen ein staatsloses Helotenvolk zu machen.“ (125)

Der 1939 geschlossene sogenannte Hitler-Stalin-Pakt wird heute oft als Gangsterstück zweier blutrünstiger Diktatoren mit dem Ziel der räuberischen Aufteilung Osteuropas angesehen. Ganz anders die Sicht Haffners: Für ihn war der „entscheidende Grund (…), dass Russland mit der deutschen Option ein paar Friedensjahre gewann, die es immer noch bitter nötig hatte, während die Westoption sofortigen Krieg bedeutete.“ (146) Rätselhaft nur, weshalb das Buch Haffners dann den reißerischen Titel „Teufelspakt“ trägt. Womöglich erhoffte sich der Verlag hiervon eine bessere Vermarktung.

Für Haffner war „der deutsche Krieg gegen Russland kein europäischer Normalkrieg wie es der erste Weltkrieg noch gewesen war und wie es auch der Zweite Weltkrieg im Großen und Ganzen war. Es war ein kolonialer Eroberungskrieg mit dem Ziel der dauernden Versklavung, Ausbeutung oder Ausrottung der Eingeborenen – ein Krieg der Art, wie ihn die Europäer zu ihrer Schande in den Amerikas, Afrika und Asien wiederholt geführt hatten. Den Deutschen der Hitler-Periode war es vorbehalten, einen solchen Krieg zum ersten Mal gegen andere europäische Nationen zu führen.“ [8]

Die Russen in Deutschland

Nur dank der weltrettenden Leistung der Roten Armee konnte das deutsche faschistische Regime niedergerungen werden. Haffner wendet sich entschieden gegen die nach dem Krieg in der Bundesrepublik üblich gewordene Gleichsetzung der bewusst geplanten Verbrechen der Hitlerschen Armee in der Sowjetunion mit den Übergriffen russischer Soldaten im eroberten Deutschland: „Gräuel dort und Gräuel hier. Und doch lassen sich die beiden Vorgänge nicht gleichsetzen. Ein kalt geplanter und vorbedachter Mordanschlag – das ist nicht dasselbe, als wenn das Opfer, nachdem es sich als stärker erwiesen hat, seinen verhinderten Mörder zusammenschlägt.“ (171 f.) Und: „Das russische Kriegsziel war niemals die Abschaffung deutscher Staatlichkeit und die Ausrottung deutscher Intelligenz; kein russischer Politiker hatte jemals vor, aus Deutschland russischen Lebensraum und aus den Deutschen eine Unterschicht russischer Arbeitssklaven zu machen. Im Gegenteil: Es ist eine Tatsache, dass die Russen von Anfang an, schneller als die Westmächte, in ihrer Zone so etwas wie eine deutsche Selbstverwaltung und ein deutsches politisches Leben in Gang setzten.“ (173)

Die von Stalin 1952 angebotene Vereinigung Deutschlands bei Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen sieht Haffner wie viele deutsche Historiker als glaubwürdiges Angebot an. [9] Warum auch sollte Stalin geblufft haben? Ging es ihm doch vor allem darum, eine Integration der Bundesrepublik in ein westliches Bündnis zu verhindern, bedeutete dies unweigerlich, dass der Westen der Sowjetunion vereint gegenübersteht. Eine vereinigte Front der kapitalistischen Staaten war aber immer die Urangst der sowjetischen Führung. Mit dem Friedensvertrag von Rapallo, der Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee und schließlich dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt war es ihr immer wieder gelungen, diese existenzbedrohende Bedrohung abzuwenden. Auf dieser Linie lag denn auch das Angebot zur Vereinigung Deutschlands von 1952: Nach Stalins Kalkül „würde die Verärgerung der Westmächte, (…) das wiedervereinigte Deutschland, es mochte so kapitalistisch sein, wie es wollte, ganz von selbst zur Anlehnung an die Sowjetunion zwingen, genauso wie einst das ja ebenfalls kapitalistische Weimarer Deutschland der Rapallozeit. Das war offensichtlich Stalins Rechnung. Wenn man sich in seine Lage von 1952 zurückversetzt, kann man sie nur völlig einleuchtend und vernünftig nennen – so brutal vernünftig wie Stalins Rechnungen immer waren; und man wird dann auch einsehen, dass Stalins Angebot vollkommen ehrlich gemeint war. Mit einem unehrlichen Angebot wäre ihm gar nicht gedient gewesen.“ (188)

Adenauer hingegen setzte auf die „Position der Stärke, die man durch Wiederaufrüstung und Westbündnis schaffen müsse, ehe man mit den Russen 'vernünftig reden' könne. Immer wieder sprach er davon, dass das Westbündnis eines Tages nicht nur zur Wiedervereinigung, sondern auch zur Wiedergewinnung Schlesiens und Ostpreußens und zum einseitigen Rückzug der Russen aus Deutschland und Osteuropa führen würde.“ Zu Recht fragt Haffner: „Wie sollte er das wohl tun – es sei denn durch Krieg?“ (191)

Am Schluss des Buches geht der Autor auf die Berlin-Krise zwischen 1958 und 1961 ein, die durch eine anwachsende Fluchtbewegung aus der DDR ausgelöst wurde und zu ihrer Destabilisierung geführt hatte. Beendet wurde diese Krise bekanntlich mit dem Bau der Mauer, der Grenzschließung der DDR. Und auch hier widerspricht Haffner der offiziellen deutschen Geschichtsschreibung, denn die „rettende Idee“ zur Lösung der Krise „brachte erst der Präsidentenwechsel in Amerika. Präsident Kennedy stieß Chruschtshow auf den Ausweg, den Chruschtschow selbst bis dahin nicht hatte finden können. Beim Gipfeltreffen in Wien im Juni 1961 erklärte er Chruschtschow unter vier Augen: Die USA könnten und würden die Sowjetunion nicht daran hindern, in ihrem Machtbereich – also in Ost-Berlin – zu tun, was sie für richtig halte.“ (202) Noch deutlicher äußerte sich der US-Senator Fulbright: „'Ich verstehe nicht, warum die Ostdeutschen nicht ihre Grenzen schließen; ich glaube, sie hätten ein Recht dazu. Wir haben nicht das Recht, von ihnen zu verlangen, dass Flüchtlinge herauskommen dürfen.'“ (202) Und so kam es denn auch: „Die Absperrung der Berliner Sektorengrenze am 13. August wurde in allen westlichen Hauptstädten mit kaum verhohlener Erleichterung als willkommener Ausweg aus der Krise begrüßt.“ (202)

Heute kann man sich nur wundern, welche Wahrheiten Sebastian Haffner 1968 mitten im Kalten Krieg aussprechen konnte. Die sowjetische Politik – erst unter Lenin, dann unter Stalin – wurde von ihm als durchweg rational und defensiv, auf die Wahrung eigener Interessen bedacht, beschrieben. Die deutsche hingegen – ob unter dem Kaiser oder Hitler –, als imperialistisch, räuberisch, ja als mörderisch. Zur Zusammenarbeit war Deutschland immer nur dann bereit, wenn ihm das Wasser bis zum Hals stand, so 1922 beim Friedensvertrag von Rapallo, oder als es ihm darum ging, eine bessere Ausgangsposition für den längst beschlossenen Krieg zu finden, so beim deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt 1939.            

Der Verlag hat der Neuauflage ein Nachwort von Karl Schlögel beigefügt, jenem Historiker, der sich vom Anarchisten erst zu einem der führenden deutschen Maoisten und schließlich zum Hasser des heutigen Russlands entwickelt hat. Die Herausgeber hielten es offensichtlich für nötig, eine solche Stimme als Gegengewicht zum Essay Haffners zu Wort kommen zu lassen. In der Sache hat Schlögel aber nichts Neues zu den Ausführungen Haffners beizutragen gehabt.



[1] Haffner Hitler, Anmerkungen zu Hitler, Berlin 2019
[2] Sebastian Haffner, Die deutsch Revolution 1918/19, Berlin 2018
[3] Die in runden Klammern angegebenen Zahlen bezeichnen die Fundstellen der Zitate im Buch.
[4] Vgl. dazu Arnold Reisberg, Lenin im Jahre 1917, Berlin (Ost), 1967, S. 92 - 144
[5] Adolf Hitler: „Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein. Wenn ich dem deutschen Volk nur eingeben könnte, was dieser Raum für die Zukunft bedeutet.“ In: Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Berlin 1997, S. 93
[6] Arthur Rosenberg, Entstehung der Weimarer Republik, 13. Unveränderte Auflage, Frankfurt am Main 1971, S. 242
[7] Robert Steigerwald, War die DDR sozialistisch? In: Marxistische Blätter 5/6_2023, S. 93
[8] Domenico Losurdo bezeichnete „Hitler mit seinem Vernichtungskrieg gegen die 'Eingeborenen' Osteuropas als den Letzten der conquistadores, in: Das 20. Jahrhundert begreifen, 2. Auflage, Köln 2026, S. 69
[9] Wilfried Loth, Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte., Einbeck bei Hamburg 1994

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