Domenico Losurdo über den 20. Parteitag der KPdSU

Im Jahr 2008 erschien das Buch „Stalin. Storia e critica di una legendera nera“ von Domenico Losurdo.  Die deutsche Übersetzung folgte 2012 unter dem Titel “Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende”. [1] Es stellte für den italienischen Philosophen und Historiker ein großes Wagnis dar, schließlich reihte sich das Werk nicht in die lange Reihe der Verurteilungen Stalins ein, sondern versuchte ein objektives Bild des sowjetischen Herrschers zu zeichnen, indem es ihn in den historischen Kontext stellte. Neben der Beschreibung der in der Stalinzeit begangenen Verbrechen wurden darin auch die Leistungen und Verdienste Stalins um das erste sozialistische Land beschrieben, die er sich in der langen Zeit seiner Herrschaft erworben hatte.

Bereits in der Einleitung des Buches kommt Losurdo auf die „Wende in der Geschichte des Stalinbildes“ 1956 zu sprechen. Es war nichts anderes als ein totaler Bruch mit der bis dahin gültigen Sicht auf Stalin: Von der auch nach dessen Tod 1953 ungebrochenen Vergötterung des „geliebten Führers“ hin zu einer Verurteilung eines nun als „Verbrecher“ angesehenen gestürzten Helden. Diese Wende vollzog sich am 25. Februar 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU mit der berühmt-berüchtigten Geheimrede Nikita Chrustschows. Losurdo schrieb über die Bedeutung dieses Ereignisses: „Mehr als drei Jahrzehnte lang hat diese Geheimrede, die das Bild eines krankhaft blutgierigen, eitlen und recht mittelmäßigen oder auf intellektueller Ebene sogar lächerlichen Diktators skizziert, fast alle zufriedengestellt. Das erlaubte es der neuen Führungsspitze an der Macht in der UdSSR, sich als den einzigen Depositar der revolutionären Legitimität im eigenen Land, im sozialistischen Lager und in der internationalen kommunistischen Bewegung zu präsentieren, die in Moskau ihr Zentrum erblickte. Bestärkt in seinen alten Überzeugungen und mit neuen Argumenten zur Fortführung des Kalten Krieges ausgerüstet, hatte auch der Westen seine Gründe zur Zufriedenheit oder zur Begeisterung. (…)“

Für viele westliche Intellektuelle, die lange Zeit Anhänger, ja Bewunderer der Sowjetunion gewesen waren, öffneten sich jetzt sprichwörtlich die Augen. Nun „konnten die berühmten Intellektuellen, dank der 'Enthüllungen' aus Moskau, ruhig das Interesse, die Sympathie und sogar die Bewunderung vergessen, mit der sie auf die UdSSR Stalins geblickt hatten“. Vor allem die Trotzkisten konnten sich bestätigt fühlen: Sie fanden „in jenen 'Enthüllungen' eine Ermutigung,“ konnte doch damit vergessen gemacht werden, dass „über lange Zeit hinweg (…) gerade Trotzki für die Feinde der Sowjetunion die Schande des Kommunismus verkörpert und (…) vorzugsweise als der 'Ausrotter', besser als der 'jüdische Ausrotter' hingestellt noch 1933, als Trotzki schon seit einigen Jahren im Exil lebte, blieb er für Spengler immer noch der 'bolschewistische Massenmörder'. Von der Wende des XX. Parteitags der KPdSU an wurden nur noch Stalin und seine engsten Mitarbeiter ins Schreckenskabinett verbannt.“

Hatte man erst einmal alle negativen Erscheinungen in der Geschichte der Sowjetunion einem einzelnen Menschen, der zudem bereits Tod war und sich daher nicht mehr wehren konnte, zugeschrieben, konnten sich „gewisse marxistische Linke“ die Sache einfach machen. Sie sahen sich „der mühsamen Pflicht enthoben, die Theorie ihres Lehrers und ihre konkret entfaltete Wirkungsgeschichte neu zu überdenken. Statt abzusterben, hatte sich der Staat in den von Kommunisten regierten Ländern sogar über alle Massen ausgeweitet; weit entfernt zu verschwinden, spielten die nationalen Identitäten eine immer wichtigere Rolle in den Konflikten, die zur Zerrüttung und schließlich zur Auflösung des sozialistischen Lagers führten; keine Zeichen für die Überwindung des Geldes und des Markts waren sichtbar, die mit der ökonomischen Entwicklung höchstens noch wichtiger wurden. Sicher, all das war unbestreitbar, aber schuld daran waren Stalin und der 'Stalinismus'! Es gab also keinen Grund, die Hoffnungen bzw. die Gewissheiten infrage zu stellen, die die bolschewistische Revolution begleitet hatten und die auf Marx verwiesen.“

Für die Antikommunisten stellte die Geheimrede die willkommene Gelegenheit dar, weiter „zwanglos sowohl über die Geschichte des zaristischen Russlands als auch über den Zweiten Dreißigjährigen Krieg hinwegzugehen, in dem die widersprüchliche und tragische Entwicklung Sowjetrusslands und der drei Stalinjahrzehnte anzusiedeln ist“.

So nahm nach Losurdo „jeder der verschiedenen politisch-ideologischen Sektoren die Rede Chruschtschows zum Anlass, um die eigene Mythologie zu pflegen, ob es nun um die Reinheit des Westens oder um die Reinheit des Marxismus und des Bolschewismus ging. Der Stalinismus war der fürchterliche Bezugspunkt, der es jedem der Antagonisten möglich machte, sich selbst im Gegenzug in seiner unendlichen moralischen und intellektuellen Überlegenheit zu verherrlichen. (…) Ohne der objektiven Lage große Aufmerksamkeit zu widmen, leiteten sie bei ihrer Untersuchung des Terrors diesen von der Initiative einer einzelnen Persönlichkeit oder einer begrenzten Führungsschicht her, die entschlossen gewesen sei, ihre absolute Macht mit jedem Mittel durchzusetzen.“

Domenico Losurdos Schluss daraus lautet: „Der radikale Kontrast zwischen den verschiedenen Stalinbildern sollte den Historiker dazu bringen, nicht eines davon zu verabsolutieren, sondern vielmehr alle zu problematisieren.“ Davon handelt sein Buch „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“.


[1] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora, Köln 2012. Die Zitate im Text sind dem Vorwort auf den Seiten 7 bis 19 entnommen.  

Zurück

Mein Newsletter

Abonnieren Sie den Newsletter von Andreas Wehr. Der Newsletter informiert unregelmäßig (10 bis 12 mal im Jahr) über Publikationen, Meinungen und Bucherscheinungen und wird über den Newsletter-Anbieter Rapidmail versendet.