Die drei großen Diskriminierungen überwinden. Zur zweiten Auflage des Buches von Domenico Losurdo "Das 20. Jahrhundert begreifen".
Der Titel des Buches erinnert an das berühmte Werk von Eric Hobsbawm „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ sowie an Luciano Canforas „Eine kurze Geschichte der Demokratie“. Im Unterschied zu diesen beiden Büchern ist das von Losurdo aber mit nur knapp 90 Seiten kurz. Es bietet dennoch eine vollständige und in sich geschlossene Sicht auf das 20. Jahrhundert im Sinne des schönen deutschen Worts: Weltanschauung.
Das Buch erschien bereits 1998 in Italien unter dem Titel „Il peccato originale del Novecento – Die Erbsünde des 20. Jahrhunderts“. Und man kann es als Kurzfassung wichtiger Gedankengänge Losurdos lesen. Detaillierter ausgeführt wurden diese Gedanken dann in Losurdos Büchern „Kampf um die Geschichte“, „Der Marxismus des Antonio Gramsci“, „Flucht aus der Geschichte?“, „Stalin: Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“, „Der westliche Marxismus“ sowie in „Der Kommunismus. Geschichte, Erbe und Zukunft“. Im Unterschied zu diesen oft umfangreichen Werken eignet sich der schmale Band „Das 20. Jahrhundert begreifen“ ideal als Einstieg in die Schriften des marxistischen Philosophen. Lange Zeit war er vergriffen. Es ist ein Verdienst des PapyRossa Verlags ihn nun in zweiter, unveränderter Auflage erneut herausgebracht zu haben.
Das Selbstbild des Liberalismus
Gleich zu Beginn wird der geistige Gegensatz benannt, um den es im ganzen Werk geht. Es ist das „Schwarzbuch des Kommunismus“ von Stéphane de Courtois und anderen aus dem Jahr 1997. Stellvertretend steht das Schwarzbuch für die liberale Sicht auf das 20. Jahrhundert, die wie folgt lautet: Wir haben es mit einem widerspruchsvollen, aber letztlich doch erfolgreichen Voranschreiten hin zum Wirtschaftsliberalismus und zur bürgerlichen Demokratie zu tun. Zwar habe es auf diesem Weg gleich zwei bedauerliche Rückschläge gegeben, den Faschismus und den Sozialismus/Kommunismus, beide Irrtümer seien nun aber überwunden, so dass dem liberalen Glück nichts mehr im Wege stünde. Soweit die anrührende Geschichte über die Selbstheilungskräfte des Liberalismus, die uns täglich präsentiert wird.
Koloniale Massaker
Losurdo zeigt, dass dieser Sicht grobe Geschichtsfälschungen und „kolossale Verdrängungen“ zugrunde liegen, soll doch die Darstellung des Faschismus als „Ausrutscher“ seine Herkunft aus der Geschichte des weißen, kolonisierenden Mannes vergessen machen. Zugleich soll die Schuld der westlichen Demokratien an seinem Aufkommen gestrichen werden. Es war aber anders: „Zweifellos ist das Laboratorium des Dritten Reiches und der Gräuel des 20. Jahrhunderts schon lange vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution in voller Aktivität, und es verweist auf die koloniale Tradition bzw. auf die Behandlung der 'Barbaren' in den Kolonien und selbst in der Metropole seitens derer, die sich selbst als die exklusiven Vertreter der Zivilisation betrachten.“ Und so sind die vielfältigen Verbindungen zwischen Liberalismus und Faschismus nicht zu übersehen: Der Nazi-Terminus 'Untermensch' entstammt dem US-amerikanischen 'Underman'. Und auch mit der Niederlage des deutschen Faschismus verschwanden keineswegs die kolonialen Massaker. In „Die Verdammten dieser Erde“ beschuldigt Frantz Fanon 1961 Frankreich, „eine 'an Genozid grenzende' Politik durchzuführen und sogar 'die entsetzlichste Ausrottungskampagne der modernen Zeiten' verwirklichen zu wollen“.
Die widersprüchliche Geschichte des Kommunismus
Doch wie verhält es sich demgegenüber mit der Geschichte des Kommunismus, der nach dem herrschenden liberalem Alltagsverständnis „wahren Erbsünde des 20. Jahrhunderts“? Haben sich doch dieser Verdammnis, abgesehen von einigen Versprengten, nicht auch seine einstigen Anhänger angeschlossen, die sich nach seinem Ende eiligst von ihm distanzierten und sich für seine Taten bis heute entschuldigen? Losurdo kommt es nicht in den Sinn, diese Epoche zu idealisieren oder auch nur die in jener Zeit begangenen Verbrechen zu verharmlosen. So spricht er von den „furchtbaren Seiten des Kommunismus“, die man aber nur verstehen kann, wenn man sie nicht „von den furchtbaren Seiten der hinter ihm liegenden Geschichte“ loslöst. Und er belässt es nicht dabei, vorangegangenen Zeiten die Schuld an Verfehlungen zu geben. Er nimmt auch Elemente der kommunistischen Ideologie in den Blick: „Während er (der Kommunismus, A.W.) verbissen die Utopie einer von Widersprüchen und Konflikten unberührten Gesellschaft verfolgt, bringt er schließlich eine Art permanenter Revolution und einen permanenten Bürgerkrieg hervor, was sich besonders in der chinesischen Kulturrevolution niederschlug.“
Die Überwindung der drei großen Diskriminierungen
Dennoch gibt es für Losurdo keinen Zweifel daran, dass der Rote Oktober legitim war und als humanitäre Antwort dem Versagen der demokratisch-liberalen Systeme folgte, die sich im Weltkrieg als „reißende Bestien, als Hexensabbat der Anarchie“ (Rosa Luxemburg) erwiesen. Erst die „Wende Lenins“ öffnete den Ausweg aus dieser Nacht. Die Impulse der Oktoberrevolution verändern die gesamte Welt: Das betrifft zum Einen die Überwindung der „Klassenaristokratie als Rassenaristokratie“, die sowohl zur Unabhängigkeit kolonialer Völker wie zur rechtlichen Gleichstellung der Farbigen in den USA und Südafrika führt. Zum Zweiten in der Infragestellung der gegenüber den Frauen verhängten „Ausschlussklauseln“. Losurdo zitiert hierzu Gramsci, der die proletarische Revolution lobt, da sie „den Autoritarismus zerstört und ihn durch das allgemeine, auch auf die Frauen ausgedehnte Wahlrecht ersetzt hat“. Die „dritte Etappe, die mit den Umwälzungen in Russland begann“, sieht Losurdo im Kampf um Freiheit von Not, um die Erringung sozialer Rechte.
Lenins und die Bolschewiki ergreifen aktiv Partei für die unterdrückten und kolonisierten Völker des Südens. Nach Losurdo kommt es auf dieser Grundlage zum Bruch mit der Sozialdemokratie: „Es ist nicht die Dichotomie Reformen/Revolution, die ihn hervorruft. Dies ist eine künstliche Darstellung, die nicht dadurch glaubhafter wird, dass sie oft unter entgegengesetzter Wertung von beiden Antagonisten geteilt“ wird.
Nach ihm handelt es sich bei der Überwindung der drei großen Diskriminierungen „im Grunde um einen einzigen Prozess, in dem die subalternen Klassen die Anerkennung ihrer vollen Menschenwürde fordern. (…) Die Dämonisierung des mit der bolschewistischen Revolution begonnenen historischen Geschehens verhindert das Verständnis der zeitgenössischen Demokratie: Diese beruht auf dem Grundsatz, dass jedes Individuum als Inhaber unveräußerlicher Rechte zu betrachten ist, unabhängig von Rasse, Zensus und Geschlecht, und sie setzt daher die Überwindung der drei großen – nämlich der rassischen, zensusbedingten und sexuellen – Diskriminierungen voraus, die am Vorabend der Oktoberrevolution noch weit verbreitet waren.
Nach Losurdo ergibt es daher „keinen Sinn, den Kommunismus mit dem Nazismus gleichzusetzen, mit der Macht also, die sich mit äußerster Konsequenz und Brutalität der Überwindung der Rassendiskriminierung und damit der Errichtung der Demokratie widersetzt hatte. Stellte das Dritte Reich einerseits den Versuch dar, in einem totalen Krieg ein Regime der white supremacy auf Weltebene und unter deutscher und 'arischer' Hegemonie zu verwirklichen, so hat andererseits die kommunistische Bewegung einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der Rassendiskriminierung und des Kolonialismus geleistet, dessen Erbe der Nazismus antreten und radikalisieren wollte.“
Es ist eine globale und keine eurozentrierte Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die hier geboten wird. Durch die Berücksichtigung der Kämpfe der Frauen und der Farbigen ist es zudem keine klassenreduktionistische Sicht. Sozialismus und Kommunismus werden nicht als Irrtümer der Geschichte angesehen. Es geht Losurdo vielmehr um die Einbettung des Roten Oktober in den Prozess der menschlichen Emanzipation.
Domenico Losurdo: Das 20. Jahrhundert begreifen. PapyRossa Verlag, 2. Auflage, Köln 2026, 95 Seiten
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