Archivkategorien: Politik | Europa | Philosophie / Geschichte

Zerrbilder Hegels

Domenico Losurdo widerlegt in seinem neuen Buch die These, es gäbe eine Kontinuitätslinie vom deutschen Philosophen zu Hitler

1933 siegte der Faschismus, auch weil er an tiefverwurzelte reaktionäre Traditionen anknüpfen konnte. Doch was waren das für Traditionen, die am Ende zu Auschwitz führten? Darüber gibt es seit Jahrzehnten Streit unter den Geschichtsphilosophen. Für Helmuth Plessner ist Deutschland eine klassische „verspätete Nation“, die an der Entwicklung des modernen Staatsbewusstseins seit dem 17. Jahrhundert nicht teilgenommen hatte. Er erinnert an das Wirken Martin Luthers, das eine „spezifisch deutsch-protestantische Mischung aus Rechtfertigungsverlangen und titanischem Weltvertrauen“ war und so zu deutschem Größenwahn führte.   

In seinem Werk „Die Zerstörung der Vernunft“ sieht Georg Lukács den Faschismus als Erben „der gesamten reaktionären Entwicklung Deutschlands“. Diese Sicht inspirierte Thomas Mann zu dem Roman „Doktor Faustus“, Hanns Eisler zu Kompositionen über das „deutsche Miserere“ und den kommunistischen Politiker und Autor Alexander Abusch 1945 zu dem Buch „Der Irrweg einer Nation“.

Für nicht wenige steht der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) im Mittelpunkt der Kritik. War er nicht tatsächlich der Apologet einer „Staatsvergötterung“, eines den Individualismus negierenden „transpersonalen Werts des Staates“? Und trägt er nicht Verantwortung für die Abtrennung Deutschlands vom westlichen Wertemodell der Menschenrechte und entfalteten Persönlichkeiten?

Für den italienischen Philosophiehistoriker Domenico Losurdo ist dies ein „Zerrbild“, das einer sorgfältigen Überprüfung nicht standhält. Er vergleicht die Aussagen Hegels mit denen Kants in seiner Abhandlung „Zum ewigen Frieden“. Gezeigt wird, dass Kants Ansichten über Krieg und Frieden Ausdruck eines bloß moralischen Postulats waren. Hegel hingegen ist ein solches „bloßes Müssen“ fremd. Er blickt schärfer und zugleich kühler auf die Geschichte. Er sieht im Krieg vielmehr ein historisches Phänomen, das die menschliche Gesellschaft leider noch lange begleiten wird, und das nur schrittweise überwunden werden kann. Sein jeweiliges Urteil über Kriege macht er von deren gesellschaftlicher Einbettung und deren Zielen abhängig, nur dies entscheidet, ob er fortschrittliche oder rückschrittliche Tendenzen befördern. Lenin wird später ähnlich denken, aber auch Mao Tse-tung, Ho Chi Minh und Fidel Castro. Die von ihnen geführten Kriege standen im Zusammenhang mit sozialen Revolutionen, waren ihnen von der Konterrevolution aufgezwungen und daher unvermeidlich.

Das Buch nimmt das Schlusskapitel eines Werks von Domenico Losurdo („Hegel und das deutsche Erbe. Philosophie und nationale Frage zwischen Revolution und Reaktion“) wieder auf, das 1989 veröffentlicht wurde. Dieser Abschnitt ist als selbständiges Buch auch in Italien, Frankreich und Spanien erschienen und stellt über weite Strecken weniger eine Auseinandersetzung mit den Aussagen Hegels als mit der Aufnahme seiner Gedanken in der Geistesgeschichte dar. Deutlich wird dabei, dass Hegel wie kaum ein anderer großer Philosoph immer wieder neu gedeutet und dabei häufig fehlinterpretiert wurde, so dass seine wirklichen Ansichten heute in mühsamer philologischer Detailarbeit rekonstruiert werden müssen. Hegel trägt daran einige Mitschuld, war er doch als preußischer Professor der Berliner Universität zu Camouflage und äsopischer Sprache gezwungen. Hinzu kam, dass er seine Beobachtungen und Urteile in das idealistische Denkgebäude einer „absoluten Idee“ des Weltgeistes pressen wollte. Dieses System wurde aber schon bald nach seinem Tode verworfen und mit ihm viele wertvolle Überlegungen des Philosophen. Obwohl das Wirken von Marx und Engels ohne die Hegelsche Dialektik undenkbar ist, wandte sich die deutsche Arbeiterbewegung früh von ihm ab, wollte in ihm nur noch den preußischen Professor sehen, der, so Alexander Abusch, in „der traurigen deutschen Tradition seit Kant (…) im Staate Friedrich Wilhelm III. die beste Verwirklichung seiner sittlichen ῾absoluten Idee῾ verherrlichen“ wollte.

Diese Verdammung Hegels scheint durch den Umstand, dass sich Propagandisten des deutschen Imperialismus 1914 auf ihn beriefen, gerechtfertigt zu sein. Sie erklärten ihn als „deutschen Professor“ zum Wegbereiter eines „nationalen Sozialismus“. Und von dort ist der Weg zu Hitler nicht mehr weit. Mit Hegel hat das alles aber nichts zu tun, und so nennt denn Losurdo diesen Vereinnahmungsversuch eine „von Grund auf falsche Bilanz“. Denn Hegel hat – obwohl tausendfach behauptet – den Staat nicht „vergöttert“. Er sah in ihm vielmehr das taugliche Mittel, mit dessen Hilfe das Volk gegen ererbte ständische Privilegien vorgehen konnte. Deshalb hassten ihn ja die preußischen Junker mit Bismarck an der Spitze. Sie wollten die ungeregelte feudale Gesellschaftsverfassung – heute würde man sie Zivilgesellschaft nennen -  erhalten, nur so konnten sie ihre Vorrechte sichern. Heute sind es die Neoliberalen, die regelmäßig vor zu viel Staat warnen und dabei den Abbau des Sozialstaats verlangen.

Nach Losurdo ist die behauptete Kontinuitätslinie von Hegel zu Hitler nicht nur grundfalsch, sondern sie verengt zudem unzulässig die Erklärung des Faschismus auf die deutsche Geschichte. Dabei kann die Nazi-Ideologie nur verstanden werden kann, wenn man sie in den kolonialistischen und rassistischen Kontext der Geschichte des gesamten Westens einbettet. Zu seinen Vorbildern gehören eben auch der französische Rassismus, das mörderische englische Kolonialsystem sowie der US-amerikanische Genozid an den Indianern. Nach Losurdo handelt es sich beim Nazismus daher „um eine Bewegung, der es gelungen war, das schlechteste Erbe der reaktionären Bewegung zusammenzufassen und in bisher noch nie dagewesene aktive Unmenschlichkeit zu verwandeln.“