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Nun also Belgien

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich in ihren bisherigen Berichten über das Auf und Ab in der sich nun schon seit einem halben Jahr hinziehenden belgischen Regierungskrise mal belustigt, mal mäßig besorgt zeigte, sprach jetzt ihr Verdikt: "Das Ende von Belgien", ausdrücklich ohne ein Fragezeichen versehen, lautete die Überschrift eines Zweispalters von Dirk Schümer im Feuilleton vom 14. Dezember 2007 (siehe die Dokumentation der wichtigsten Passagen des Artikels unten). Ganz so, als sei dieses Ende bereits eingetreten. Und genau so ist es auch gemeint. Zwar wird dem Gesamtstaat eine Gnadenfrist eingeräumt, da diesmal "der landestypische Kompromiss" wohl noch mal erzielt werde. Doch der kann nach Schümer nur "der letzte sein" Und so macht sich der Autor bereits Gedanken darüber, was aus Brüssel, dem Königshaus und der "maroden Wallonie" anschließend werden soll.

Dass tatsächlich nur wenige im Land, bei aller Gereiztheit und Ratlosigkeit über die nicht endenwollende Regierungskrise, ernsthaft über eine Scheidung nachdenken, ist für Schümer nebensächlich: "Zwar spricht sich nur eine Minderheit von weniger als zwanzig Prozent der Belgier für eine sofortige Teilung aus, doch dürfte die Spaltung auf mittlere Sicht gar nicht mehr zu verhindern sein (...)". So ist denn auch die Schwarz-Gelb-Rote Trikolore in immer mehr Fenstern des Landes nur eine "nostalgische Mode". Dass die in Europa einflussreiche Frankfurter Allgemeine mit Sympathie über eine Auflösung des Nachbarstaats schreibt, wird von den flämischen Separatisten aufmerksam registriert und zu Recht als Ermutigung verstanden werden.

Wie bereits zuvor bei der Zerstörung Jugoslawiens, der Auflösung der Sowjetunion und der Teilung der Tschechoslowakei ist auch jetzt wieder die Rede von einem "Kunststaat", der zu Recht untergehe. Laut FAZ soll auch "Belgien als lukratives Kunstprodukt erschaffen" worden sein und "zwar von einem kleinen Kreis reicher Kulturfranzosen". Da kann man nur stauen! Nicht etwa das von oben zusammengezimmerte, auf mittelalterlichen Dynastien errichtete und mit Hilfe eines Krieges aus der Taufe gehobene Bismarcksche Deutsche Reich war ein Kunststaat, nein, dies soll vielmehr das vierzig Jahre zuvor gegründete Belgien sein. Und so zählen die seinerzeit beispiellose liberale und moderne Verfassung und die dort gelebten Freiheitsrechte des 1830 gegründeten, ersten wirklich bürgerlichen Staates Europas nichts. Ein natürlicher und eben nicht "künstlicher" Staat ist nach Meinung Schümers offensichtlich nur einer, der sich durch einheitliche Sprache, ethnische Geschlossenheit und auch Blutsverwandtschaft der Stämme auszeichnet. Dies ist klassisch romantisch, durch und durch reaktionär und leider auch sehr deutsch. Wir wissen, wohin das bei uns geführt hat. Erst nach dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Reiches konnte Deutschland - gut neunzig (!) Jahre nach Gründung Belgiens - an jene dort vorweggenommene Entwicklung endlich anknüpfen.

"Kunststaaten" wären nach diesem Maßstab übrigens die meisten Länder der Welt. Und so ist das herbeigeschriebene Schicksal Belgiens denn auch nur ein Menetekel für Kommendes. In der Ankündigung des FAZ-Artikels heißt es: "Ein Staat zerfällt. Dieses Szenario werden wir bald noch häufiger erleben, bei den Schotten, den Kosovaren, auch den Südtirolern."