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Eine neue Marx-Biografie


Es gilt ein weiteres Buch in jener langen Reihe von Werken anzuzeigen, die schlicht den Namen des Revolutionärs und sozialistischen Theoretikers im Titel führen. Der britische Autor und Journalist Francis Wheen legte 1999 eine neue und mit gut 450 Seiten auch umfangreiche Marx-Biografie vor. 2001 erschien sie im C. Bertelsmann Verlag auf Deutsch, der im Juli 2002 eine Taschenbuchausgabe im Goldmann Verlag folgte. Diese Taschenbuchausgabe wurde der folgenden Rezension zu Grunde gelegt. Die im Text in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.

Dass sich ein Taschenbuchverlag mit der Herausgabe einer Marx-Biografie heutzutage ein Geschäft verspricht, ist schon erstaunlich. Kann man also immer noch (oder bereits wieder) mit Marx Auflage produzieren? Offenkundig ist das so. Die englische Ausgabe war jedenfalls ein Bestseller. Immerhin fand es hier der Kölner Stadtanzeiger wert, auf die deutsche Übersetzung mit freundlichen Worten hinzuweisen. Und Iring Fetscher beschrieb das Werk in der Frankfurter Rundschau als ein Buch, das man mit viel „Vergnügen und Spannung" liest. Diejenigen, die an der Verbreitung des Marxschen Werkes Interesse haben, da sie es weiterhin unentbehrlich für die Lösung der Menschheitsprobleme halten, sollten aufmerksam registrieren und genau hinsehen, was da für den Markt der sogenannten Populärliteratur über Marx geschrieben wird. Und hier hat die Biografie von Wheen eine Überraschung parat. Es handelt sich nicht um eine jener in den letzten Jahren so modisch gewordenen Abrechnungen, in der das Werk Marx' nur nach Textbruchstücken durchstöbert wird, mit denen sich irgendwie seine Mitverantwortung für all die Irrtümer und auch Verbrechen des untergegangenen realen Sozialismus rechtfertigen ließe. Wheen erteilt einem solchen Herangehen bereits in der Einleitung eine klare Absage: „Nur ein Narr kann Marx für den Gulag verantwortlich machen, aber leider gibt es solche Narren mehr als genug" (11).

Der Autor stellt Marx als jemanden vor, der sein Leben lang Wissenschaft nicht aus reinem Erkenntnisinteresse betrieb. Wissenschaft diente ihm vielmehr dazu, mit Hilfe ihrer die Mittel in die Hand zu bekommen, um den Emanzipationskampf derjenigen, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, zu unterstützen und schließlich zum Erfolg zu führen. Sein Engagement in der demokratischen und sozialistischen Bewegung verstand er daher nicht als bloße Gelegenheit zur Überprüfung seiner Erkenntnisse. Aus den durchfochtenen Kämpfen und erlittenen Niederlagen ergaben sich für Marx erst die zu bewältigenden Aufgaben der Theorie. Er lebte damit gemäß der von ihm selbst in der 11. Feuerbachthese formulierten Maxime: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern (MEW 3, S.7). Gelesen allerdings nicht etwa als Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, sondern als Aufforderung eine Philosophie d.h. eine Theorie zu entwickeln, die in der Lage ist die Praxis zu verändern.

Von dieser Prämisse ausgehend, behandelt Wheen die entscheidenden Stationen des politischen Engagements von Marx in dem ihnen zukommenden Umfang, etwa seine organisierende Arbeit im Bund der Kommunisten, als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung und als Mitglied im Generalsekretariat der Internationale. Wheen unterstreicht die Bedeutung dieser Lebensabschnitte Marx', indem er die dort entstandenen Schriften nicht etwa als mehr oder weniger zufällige journalistisches Produkte oder als Alltagsarbeit abtut, sondern sie als Ausdruck von Wendepunkten im Leben Marx' und nicht selten als auch der geschichtlichen Entwicklung selbst begreift, in denen Neues angesprochen wird, was manchmal erst Jahre später in sehr viel umfangreicheren theoretischen Texten ausgearbeitet werden sollte.

Das gilt natürlich für die bis heute populärste Schrift von Marx und Engels, das Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 459f., das ja eine Auftragsarbeit des durch Zusammenschluss des Brüsseler Korrespondenzkomitees und des Bundes der Gerechten entstandenen Bundes der Kommunisten war und um ein Haar nicht geschrieben wurde, da Marx - einmal mehr - nicht mit den ihm gesetzten Fristen zurecht kam und der Generalrat des Bundes bereits drauf und dran war, ihnen den Auftrag dafür zu entziehen (145).

Der Leser findet aber auch umfangreiche Hinweise auf heute vergleichsweise nur noch selten herangezogene Texten, etwa auf die Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland" MEW 5, 3-5, einem Aktionsprogramm aus der Revolution 1848/49 mit äußerst maßvollen, da den damaligen Kräfteverhältnissen Rechnung tragenden Forderungen (157f.). Breit dargestellt wird die von Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung vorgetragene Kritik an den Aufrufen zum Boykott der Wahlen zu den Parlamenten von Berlin und Frankfurt (163-167). Man kann Marx aus diesen Texten als einen Realpolitiker kennen lernen, der oft sehr viel besser als seine Zeitgenossen die gegebenen Möglichkeiten bewerten konnte, aber auch einen scharfen Sinn für Forderungen hatte, für die die Entwicklung noch nicht reif war.

Eine verblüffende Aktualität besitzen seine Schlussfolgerungen aus der Revolution 1848/49, niedergeschrieben in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 1. Januar1849: Das Land aber, das ganze Nationen in seine Proletarier verwandelt, das mit seinen Riesenarmen die ganze Welt umspannt hält, das mit seinem Gelde schon einmal die Kosten der europäischen Restauration bestritten hat, in dessen Schoße sich die Klassengegensätze zur ausgeprägtesten, schamlosesten Form fortgetrieben haben - England scheint der Fels, an dem die Revolutionswogen scheitern, das die neue Gesellschaft schon im Mutterschoße aushungert. England aber beherrscht den Weltmarkt, und die Bourgeoisie beherrscht England. , MEW 6, S. 149-50 (172 f. und 236f.). Man ersetze hier nur einmal England durch USA und man erhält eine weltpolitische Skizze unserer Zeit.

Ebenfalls als Zeitschriftenartikel, diesmal in der nach seiner Flucht nach London von ihm dort begründeten Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Review erblicken jene Texte die Welt, die später als Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, MEW 7, S. 11f. bekannt werden. In diesen Artikeln gelangt er zu dem Schluss, dass für die sozialistische Bewegung die Zeit noch nicht reif sei, da sich die modernen Klassenverhältnisse, hier Bourgeoisie dort Proletariat, noch nicht zu dem beherrschenden Gegensatzpaar herausgebildet haben. Mit einem Worte: Nicht in seinen tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen mächtigen Konterrevolution (190).

In der Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonarparte vom Dezember 1851 analysiert er den Staatsstreich Napoleons III. Eine Analyse, die bis heute als beispielhaftes Erklärungsmuster für populistische und faschistische Regime herangezogen wird.

Marx und Engels sind in jenen Jahren fest davon überzeugt, dass eine Zeit revolutionärer Umwälzungen mit dem Sturz der Bourgeoisie unmittelbar bevorsteht. Trotz aller Fortschritte in der Produktivität sehen sie in der bürgerlichen Gesellschaft bereits Verfallssymptome wie im Römischen Reich, MEW 12, S.3/4. Tatsächlich befand sich aber die bürgerliche Gesellschaft noch mitten in ihrer Aufschwungphase. Sie hingegen sahen in der Wirtschaftskrise von 1857 unzweideutig das Fanal für den nahenden Zusammenbruch des Kapitalismus. Um noch rechtzeitig vor dem großen Kladderadatsch mit seiner ökonomischen Theorie fertig zu werden, arbeitet Marx wie ein Besessener die Nächte durch. Es entsteht das als Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie bekannt gewordene Manuskript (271). Engels hingegen bereitet sich auf die militärische Konfrontation vor und sieht sich schon als Feldherr den revolutionären Armeen voranreitend. An Marx schreibt er: Meine Militärstudien werden dadurch sofort praktischer, ich werfe mich unverzüglich auf die bestehende Organisation und Elementartaktik der preußischen, östreichischen bayrischen und französischen Armeen, und außerdem nur noch auf Reiten, d.h. Fuchsjagden, was die wahre Schule ist, MEW 29, S.212. Doch die Revolution fand nicht statt. Bei der Krise von 1857 handelt es sich um eine der üblichen konjunkturellen Einbrüche des Kapitalismus.

Auf das Abebben der revolutionären Flut folgt für Marx eine Phase der politischen Zurückgezogenheit, die erst mit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation, der ersten Internationale, im Jahre 1863 enden sollte. Mit der Internationale beginnt aber auch eine neue Phase der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung. Die Epoche, in der die politischen Entscheidungen noch militärisch auf der Straße ausgefochten wurden, geht unweigerlich zu Ende. Daran ändert auch die Erhebung der Pariser Kommunarden wenige Jahre später nichts, die in ihrer Form ja im übrigen eher einem „bakunistischen Aufstand" glich (so der Marx-Biograf Fritz J. Raddatz auf Seite 339 seines Buches Karl Marx). An die Stelle des Barrikadenkampfes treten neue Kampfformen, vor allem das Mittel des ökonomischen Streiks und das der Massendemonstration. Dazu bedarf es starker Organisationen der Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und politische Parteien. Nur mit ihnen lässt sich der politische und kulturelle Kampf um die Köpfe der Arbeiter erfolgreich führen. Es beginnt damit das, was Gramsci Jahrzehnte später als den Übergang vom Bewegungs- zum Stellungskrieg im Klassenkampf beschreiben wird.

Marx wird in den Generalrat der neu geschaffenen Internationalen Arbeiterassoziation als Vertreter der deutschen Arbeiter gewählt. Für die neue politische Organisation entwirft er die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation, MEW 16, S.6ff.. In ihrem Namen veröffentlicht er die Schrift Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 313ff. Geschrieben noch als Unterstützung für den Kampf der Pariser Kommunarden 1871, gerät sie schließlich zu ihrem Nachruf. Mehrere Auflagen der Broschüre werden in wenigen Wochen verkauft. Marx' Bild formt sich zu dem, was es bis heute ist: Für die Arbeiter wird er ihr wichtigster sozialistischer Theoretiker. Für die Bourgeoisie ist er hingegen der Brandstifter, der zukünftig hinter jeder revolutionären Regung vermutet wird (393). Ihm weisen sie die Urheberschaft für die Pariser Kommune als auch die Verantwortung für ihren blutigen Ausgang zu (circa 20.000 Kommunarden werden getötet, weitere Zehntausende anschließend außer Landes gewiesen).

Man kann daher das Buch von Wheen durchaus als Geschichte des 19. Jahrhunderts lesen. Ein mit den Marxschen Texten nicht so vertrauter Leser wird sich dabei selbst leicht ein Bild machen können, in welchen Zusammenhängen diese Interventionen jeweils entstanden. Die schon als Marx-Engels-Werke schier entmutigenden meterlangen blauen Buchrücken, von der Marx-Engels-Gesamtausgabe ganz zu schweigen, können daher ihren furchteinflößenden Charakter ein wenig verlieren. Das Werk der beiden Klassiker lässt sich mit Hilfe der Biografie besser zuordnen, es wird in seiner zeitlichen Bedingtheit durchschaubarer.

Es lag nahe, dass sich Wheen als britischer Autor und Journalist vor allem mit dem Wirken von Marx in der englischen Arbeiterbewegung, und hier vor allem in der Bewegung der Chartisten, befasst hat, jener Bewegung, die sich auf die Volkscharter in England vom Mai 1838 mit ihren Forderungen nach einem allgemeinen Wahlrecht berief. Sucht man in der Arbeit von Wheen nach Unbekanntem, die in den bisher auf Deutsch erschienenen Marx-Biografien gewöhnlich nur am Rande abgehandelt werden, dann wird man am ehesten in diesen umfangreichen Darstellungen über das Wirken Marx' in den englischen Arbeiterorganisationen, etwa in der Reformliga zur Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts, fündig (340).

Der Leser kann aber auch noch heute aus diesen Ausführungen Gewinn ziehen, wenn er sie nicht nur als historische Darstellungen der Entwicklung der Arbeiterbewegung in einem anderen Land liest. Beschrieben wird vielmehr eine englische Arbeiterbewegung, die damals organisatorisch denen im übrigen Europa weit voraus war. Zu beobachten war dort eine Vorwegnahme von Kontroversen, die erst Jahrzehnte später den Kontinent erreichen sollten, etwa in der Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Opportunismus in der deutschen Sozialdemokratie. Marx und Engels setzen immer wieder ihre Hoffnungen auf neue Führer in der Chartistenbewegung, von denen sie aber ebenso schnell wieder enttäuscht wurden, und die sich nach ihren Worten als „Dilettanten aus der Mittelklasse (248) und „Opportunisten" (249) erwiesen. Als die reformistischen Gewerkschaftsführer Cremer und Odger im Sommer 1867 den Kampf um das Wahlrecht mit einem Kompromiss gegenüber der britischen Regierung unter Disraeli beenden, der die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung weiterhin von allen politischen Rechten ausschloss (341), spricht Engels verächtlich von einem bürgerlichen Proletariat (MEW 29, 422) in England. Als gar frühere englische Mitglieder des Generalrats der Internationale Zuflucht in der Liberalen Partei suchen, reißt Marx endgültig der Geduldsfaden zum Teufel mit den Briten, MEW 35, 422, (249), poltert er einem der letzten Briefe seines Lebens. Erst nach dem Tod der beiden Klassiker sollte sich das englische Proletariat mit der Gründung der Labour-Party im Jahre 1900 als politisch und ideologisch eigenständige Kraft von der bürgerlichen Liberalen Partei emanzipieren.

Wheen teilt die kritische Sicht von Marx und Engels auf die englische Arbeiterbewegung. Vor allem die Tatsache, dass zu Marx' Lebzeiten so gut wie keines seiner bedeutenden Werke ins Englische übersetzt wurde, ist für ihn bezeichnend für die Ignoranz seiner Landsleute gegenüber der Wissenschaft aber auch für die Arroganz gegenüber Ausländern, von denen man sich schließlich nichts sagen lassen wolle. So wurde das Kommunistische Manifest zwar bereits im Jahre 1850 als Artikel in einer Zeitschrift mit geringer Auflage veröffentlicht, aber erst 38 Jahre später, lange nach dem Marx' Tod, erschien es in neuer englischer Übersetzung erstmals als eigenständige Schrift (304). Auch der erste Band des Kapitals wurde erst Jahrzehnte nach der deutschen Erstausgabe ins Englische übersetzt. Wheen sieht es als „Ironie des Schicksals (an), dass dieser Meister der flexiblen Dialektik ausgerechnet im spießbürgerlichsten Land der Welt Zuflucht fand, in dem Instinkt und gnadenloser Empirismus herrschten, in dem das Wort Intellektueller als tödliche Beleidigung galt" (436).

Dieser für Wheen nachvollziehbaren Aufmerksamkeit für die englische Geschichte war es offenkundig geschuldet, dass sich in dem Buch nur wenige Anmerkungen über die Anfänge der kontinentalen Arbeiterbewegung finden. Die deutsche wird nur im Zusammenhang mit der Rolle Ferdinands Lassalles bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863 erwähnt. Wheen macht sich hier die Ansicht des deutschen Historikers Gustav Meyer zu eigen, dass Lassalle in seinem Brief an Bismarck vom Juni 1863 dem Reichskanzler tatsächlich ein Bündnis zwischen dem wilhelminischen Staat und der jungen Arbeiterbewegung angeboten habe (300). Er widerspricht damit Fritz J. Raddatz, der in diesem Brief nur eine „Fehleinschätzung (Lassalles) seiner eigenen politischen Position sieht" (Raddatz, a.a.O, S. 289) Repräsentanten der jungen deutschen Arbeiterbewegung, wie Wilhelm Liebknecht oder Karl Kautsky werden wohl als Gäste Marx' erwähnt, man erfährt aber nichts über ihre politischen Positionen. Das Gothaer Programm von 1875 und die bis heute wichtige Kritik von Marx und Engels daran, wird mit keinem Wort erwähnt.

In der zentralen Auseinandersetzung innerhalb der Internationale zwischen Marx und Bakunin nimmt Wheen unzweideutig zu Lasten von Bakunin Stellung, über den er schreibt, dass „verzweifelte Torheiten sein liebster Zeitvertrieb" waren (386). Wheen sieht in diesem historischen Streit zu Recht eine Bedeutung, die bis in unsere Zeit reicht. „Mag er (Bakunin A.W.) zu seinen Lebzeiten ein General ohne Armee oder ein Mohammed ohne Koran gewesen sein, aber im 20. Jahrhundert erwarb er zahllose Bewunderer. Viele von ihnen sind durchaus keine Revolutionäre oder Anarchisten. Sie feiern ihn als den einzigen Mann, der vorhersah, dass Marx' Ideen in den Gulag führen mussten. Beide werden permanent miteinander konfrontiert, und immer hat Marx das Nachsehen" (376). Wheen zielt damit auch auf Fritz J. Raddatz, der über die Auseinandersetzung geschrieben hatte: „ Dieser Kampf ist innerstes, fast intimstes Zentrum aller Debatten über die Geschichte der Arbeiterbewegung bis heute - diese Linien nachzuziehen heißt, sich der Frage stellen nach der gleichsam eingebauten Möglichkeit von Inhumanität im großen Entwurf der sozialistischen neuen Menschlichkeit; kein Weg führt um die Antwort herum, und sie scheidet die Geister seit nunmehr 100 Jahren. Marx und Bakunin: Das ist Stalin und Trotzki" (Raddatz a.a.O., S. 316). Für Raddatz liegt hier sogar nahezu jede taktische Wendung der späteren kommunistischen Parteien begründet: „Es ist zugleich der Unterschied, der auch zu politischer Taktik befähigt, zu gemeinsamen Aktionen zwischen NSDAP und KPD im krisengeschüttelten Berlin 1932; zum Nicht-Streik der KPF 1968, während Daniel Cohn-Bendits Studenten die Schönheit der Pflastersteine bedichteten; zum Überbordwerfen aller eigenen Postulate aus Staat und Revolution, zehn Tage später, nachdem der Autor Lenin die Macht erkämpft hatte" (Raddatz, a.a.O., S. 318 f.) Und für den Marx-Biografen Isaiah Berlin „unterschied sich Bakunin von Marx wie Lyrik und Prosa" (Isaiah Berlin, Karl Marx: His Life and Environment, London 1939, p.79). Wheen antwortet darauf: „Diese Unterstellung, nach der Bakunin ein lyrischer Freigeist und Marx ein nüchternes Arbeitstier gewesen sei, ist wenig mehr als die belehrende Variante der primitiven Formel von Stalin und Trotzki - der humane, libertäre Politiker gegen den rücksichtslosen, autoritären Führer. Es ist ein Mythos, der gerade noch das Quäntchen Wahrheit enthält, um am Leben zu bleiben" (376 f.).

Was das Kapital als das Hauptwerk von Marx angeht, so bezieht Wheen ihm gegenüber eine eigentümliche Position. Er schließt sich der Wertung von Leszek Kolakowski an, wonach Marx' Werttheorie "nicht den normalen Anforderungen an eine wissenschaftliche Hypothese, insbesondere nicht der ihrer Widerlegbarkeit" (entspricht). Der von ihm in Anspruch genommene polnische Marxkritiker wird wenig später aber als einer „der einflussreichsten modernen Totengräber des Marxismus" (359) abgetan. Als Begründung für die fehlende Wissenschaftlichkeit der Werttheorie wird von Wheen angeführt, dass „weder mit dem Lackmuspapier noch mit einem Elektronenmikroskop oder Computerprogramm solche immateriellen Dinge wie `Entfremdung´ oder `moralische Degradation´ nachzuweisen (sind)"(359). Einmal abgesehen davon, dass der Nachweis von Entfremdung und moralischer Degradation zum Beweis der Richtigkeit der Marxschen Werttheorie gar nicht erforderlich ist, werden hier naturwissenschaftliche Nachweismethoden an ökonomische und soziologische, also an gesellschaftswissenschaftliche Theorien angelegt. Dies ergibt natürlich keinen Sinn. Für Wheen ist das Kapital „keine rein wissenschaftliche Hypothese oder gar ein ökonomisches Traktat (...)."(359) Er sieht es eher als „Kunstwerk" und „artistisches Ganzes" an, wobei er hier Formulierungen von Marx aufgreift und überspitzt, die von ihm lediglich dazu benutzt wurden, um die Konstruktionsweise seines Werkes zu erklären. Nach Wheen sollte aber das Kapital eher als „viktorianisches Melodram" oder „gewaltiger Schauerroman"(363) gelesen werden, „vielleicht auch als eine satirische Utopie wie Swifts Land der Houyhnhnms, wo jeder Ausblick schön ist und nur die Menschen schlecht sind"(363).

Als Beweis für den seiner Ansicht nach im Kern satirischen Charakter des Kapitals zitiert Wheen den ersten Satz des ersten Bandes : Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform (MEW 23, S.49). „Was dem aufmerksamen Leser sofort ins Auge springt, ist die Wahl des Verbs, das hier noch einmal wiederholt werden soll: `erscheint als... ´ (...). Wir treten in eine von Geistern bevölkerte Scheinwelt ein, woran uns der Autor auf den nachfolgenden tausend Seiten immer wieder erinnert" (364). Wheen versteht offenkundig „Schein" nur im Sinne von Scheinwelt und Täuschung. Er verkennt damit die von Hegel geprägte Bedeutung des Scheins auch im Sinne von Erscheinen, die dem Schein einen gegenständlichen und damit realen Inhalt gibt. In diesem Sinne ist denn auch der Begriff von Marx verwandt worden.

Für Wheen hingegen hat sich Marx mit der Abfassung des Kapitals nur einen literarischen Jugendtraum erfüllt. „Marx (...) versuchte in seiner Jugend einen eigenen komisch-surrealistischen Roman zu schreiben. Fast dreißig Jahre später hatte er Gegenstand und Stil endlich gefunden" (366) „Um der abgedrehten Logik des Kapitalismus gerecht zu werden, ist Marx' Text getränkt, ja vollgesogen mit Ironie, einer Ironie, die den Lesern über hundert Jahre lang entgangen zu sein scheint. Eine der wenigen Ausnahmen ist der amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson, der Marx als den wahrscheinlich größten Ironiker seit Swift pries." (367) Und: „Wie Wilson richtig bemerkt, ist der Zweck von Marx' theoretischen Abstraktionen - der Tanz der Waren, der irre Kreuzstich der Logik - vor allem Ironie, die den grausigen, gut dokumentierten Darstellungen von Elend und Schmutz entgegengestellt wird, die die Gesetze des Kapitalismus in der Praxis erzeugen. (369) „Der Flirt mit der Dialektik, der Edmund Wilson so verärgerte, steht in engem Zusammenhang mit der Ironie, die er so hoch lobte - beide stülpen die Scheinrealität um, damit der rationale Kern zum Vorschein kommt." (370)

Nun nutzte Marx in der Tat die Ironie ausgiebig als literarisches Stilmittel, aber sein Hauptwerk zu einem bloßen Meisterwerk der Ironie herabzuwürdigen, indem sie der Dialektik gleichgestellt wird, verfehlt denn doch haargenau die Marxsche Intention. Seine Interpretation ist um so erstaunlicher, als Wheen das von Marx verfasste Nachwort zur zweiten deutschen Ausgabe von 1873 ausdrücklich erwähnt, in der er sich für die schwer verständliche Darstellungsweise und für die als „Koketterie" mit der Hegel „eigentümlichen Ausdrucksweise" bei seinen Lesern quasi entschuldigte. Doch Wheen nimmt diesen Hinweis auf Hegel nicht bewusst zur Kenntnis. Er eliminiert die Dialektik im Marxschen Denken, indem er sie mit Wilson zu einem bloßen ironischen Stilmittel umdeutet.

Wheen verzichtet generell auf die Darstellung, wie das Marxsche Werk in der Geschichte aufgenommen, interpretiert und nicht selten verfälscht wurde. Schließlich ging es ihm darum, ein Buch über Marx und sein Leben und nicht über den Marxismus zu schreiben. Beides wäre wohl auch kaum auf gut 450 Seiten zu Schreiben gewesen. Dementsprechend werden Marxisten, mit denen Marx selbst nicht mehr Kontakt hatte, auch gar nicht erst erwähnt. Weder Georgi Plechanow, noch Antonio Labriola, Rosa Luxemburg und natürlich auch nicht Mao Zedong oder Antonio Gramsci werden erwähnt. Und Wladimir Iljitsch Lenin taucht nur auf der vorletzten Seite des Buches in seiner Rolle als Trauerredner beim Begräbnis von Laura und Paul Lafargue auf. Angesichts dieser Beschränkung stellt sich erst Recht die Frage, warum Wheen ausgerechnet dem als Marx-Interpreten völlig unbekannten amerikanischen Literaturwissenschaftler Edmund Wilson mit seinem 1974 auf Deutsch erschienenen und hier weithin unbeachtet gebliebenen Buch „Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof" als Einzigem die Ehre der Interpretation des ersten Bandes des Kapitals zu Teil werden lässt? Die Lösung ist, wie so oft, wenn eine wenig bekannte Quelle plötzlich zur Beweisführung herangezogen wird, ganz einfach: Wilson spricht Wheen aus dem Herzen! Dessen Sicht ist auch seine Sicht.

Dies wird auch aus einer Textstelle erkennbar, in der er wohl nicht ausdrücklich Wilson zitiert, aber Marx aus seinem Blickwinkel heraus interpretiert, etwa Marx' Aussage über Martin Luther und die Reformation in Deutschland aus der Frühschrift „Zur Judenfrage", in der Marx schrieb: Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußern Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum innern Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt. (MEW 1, S. 386) Diese wenigen Sätze, in denen in wunderbarer Weise dialektisch der Widerspruch dargestellt wird, wie aus einer von den Reformatoren angestrebten Wiederherstellung des Glaubens in der geschichtlichen Wirklichkeit tatsächlich die Voraussetzung für die Überwindung der kirchlichen Autorität geschaffen wurde, wird von Wheen als „reine Show" von Marx bezeichnet, dem „die Leichtigkeit der Sprache gelegentlich zur Wortäquilibristik" (gerät) (76).

Hierzu passt auch, wie Wheen mit leichter Hand die angebliche Abwendung Marx' von Hegel erklärt: „Marx' Ausflug in den Journalismus hatte ihn jedoch davon überzeugt, dass radikale Philosophen nicht in den Wolken schweben dürfen wie manch Einsiedler des griechischen Altertums, sondern herabsteigen und sich mit dem Hier und Heute befassen müssen" (71). Doch so einfach waren die Dinge nicht: Marx blieb Zeit seines Lebens kritischer Schüler von Feuerbach, aber auch von Hegel. Er dachte nicht daran, die Hegelsche Dialektik über Bord zu werfen. Wenn Wheen daher den englischen Sozialisten und Zeitgenossen Marx' Ernest Belfort Bax, der die Hegelsche Philosophie in Deutschland studiert hatte, als „den einzigen englischen Sozialistin seiner Generation (beschreibt), der die Dialektik als innere Triebkraft seines Lebens akzeptierte", wird man den Eindruck nicht los, dass sich bis heute daran nicht viel geändert hat. Auch Wheen stellt leider keine Ausnahme davon dar.

Ganz am Ende seines Werkes meint Wheen die Leser mit einer neuen Deutung eines Briefes von Charles Darwin überraschen zu können. Es geht um ein Schreiben von Darwin aus dem Jahr 1880, das verschiedentlich als Zurückweisung der Bitte Marx' gelesen wurde, für eine Widmung der englischen Ausgabe des Kapitals zur Verfügung zu stehen (432ff.). Auch in der Biografie von Raddatz wird das noch so gesehen (vgl. S. 354 a.a.O.). An Hand des Inhalts des Schreibens und des Zufallsfunds einer amerikanischen Wissenschaftlerin meint Wheen nun nachweisen zu können, dass es sich gar nicht um ein Schreiben an Marx, sondern vielmehr an Edward Aveling, dem Lebensgefährten seiner Tochter Elenor Marx gehandelt hatte. Dieser, und nicht Marx, hatte Darwin gebeten, für die Widmung einer lehrbuchhaften Darlegung der Evolutionstheorie zur Verfügung zu stehen. Durch eine Unachtsamkeit sei dann das Antwortschreiben in den Nachlass Marx' geraten und fortan als Absage Darwins an Marx interpretiert worden. Dieser Befund mag auf den ersten Blick als wenig wichtiges Detail erscheinen und daher nur für „Marxologen" von Interesse zu sein. Ganz so nebensächlich ist diese Sache aber nicht, wurde doch aus der persönlichen Absage des großen Naturwissenschaftlers und Begründers der Evolutionstheorie an Marx auf einen Mangel an Wissenschaftlichkeit des Marxschen Werkes geschlossen. Doch was Wheen hier als aktuelle Entdeckung anpreist, ist in der Forschung schon lange bekannt. Über die Legende vom angeblichen Brief Darwins an Marx erschien 1983 sogar eine biographische Betrachtung. Darin heißt es: "Es gibt Aussagen, die sich in der Literatur halten wie Kletten, Aussagen, die perpetuiert werden, weil kein Grund besteht, sie anzuzweifeln und weil sie möglicherweise in ein vorgegebenes Schema passen, woran nichts geändert werden soll. (...) Beispiel: Der sogenannte Briefwechsel zwischen Marx und Darwin und die daraus abgeleitete Vorstellung, Marx habe Darwin vorgeschlagen, Darwin eine Ausgabe des Kapitals zu widmen" (Gerhard H. Müller, Darwin, Marx, Aveling - Briefe und Spekulationen, eine bibliographische Betrachtung in: Dialektik 6, S. 149 ff., 1983).

Eine Biografie muss natürlich auch auf einige wenig angenehme Eigenarten des Menschen Marx eingehen. Wie schon andere Marx-Biografen vor ihm konstatiert Wheen bei ihm einen ausgeprägten Hang zur Fehde gegenüber seinen zahlreichen wirklichen und den wohl noch zahlreicheren eingebildeten Feinden. Eine Einstellung, die er offensichtlich mit Engels teilte. Viel Zeit und Lebenskraft ist durch die Pflege dieser Feindschaften vergeudet worden. Wheen erwähnt hier insbesondere die Polemiken Herr Vogt und Die großen Männer des Exils. Marx und Engels war bekanntlich so erfinderisch in immer neuen Schimpfworten für ihre Widersacher, dass Magnus Enzensberger seinen beiden Bänden Gespräche mit Marx und Engels ein eigenes Injurien- und Elogenregister anfügen konnte.

Bittere Ironie und beißender Spott, mit denen Marx seine Gegner so überreichlich bedachte, haben ihn aber nicht zu einem überheblichen und hartherzigen Menschen werden lassen, schon gar nicht gegenüber Arbeitern, wie einige Marx-Biografen allerdings bis heute beständig behaupten. Wheen nennt hier insbesondere Shlomo Avineri und sein Werk „The Social and Political Thoughts of Karl Marx". Am Beispiel Marx' Verhaltens gegenüber dem in London lebenden deutschen Schneider Georg Eccarius legt Wheen dar, wie er bemüht war Eccarius zu fördern, indem er ihm Publikationsmöglichkeiten und damit bitter nötige Einkunftsquellen verschaffte (328). Als es um die Frage ging, wer als Vertreter der deutschen Arbeiter bei der Gründung des Zusammenschlusses der Internationalen Arbeiterassoziation sprechen sollte, war es Marx, der nicht sich, sondern Eccarius vorschlug (327). Marx war demnach nicht der überhebliche Snob, zu dem ihn bürgerliche Politiker und Autoren noch heute gerne machen wollen, als jemand der beim Rotwein heimlich über die Arbeiter herzog, die Homer und Cicero nicht im Original lesen konnten.

Aus der Biografie erfährt der Leser viele Einzelheiten über die prekäre und drückende finanzielle Situation der Familie Marx, die faktisch über die ganzen Jahrzehnte des Exils bestand, und die sie gelegentlich ins blanke Elend trieb. Allerdings war es nicht die Armut des Bedürftigen, sondern die eines verarmten Bürgerlichen, der von einem Mindeststandard an Lebensqualität nicht lassen wollte und daher beständig über seine Verhältnisse lebte. „Tatsächlich aber war er von der Art in Not geratener feiner Leute, die verzweifelt versuchten, den äußeren Schein zu wahren und an ihren bürgerlichen Gewohnheiten festzuhalten (217). Wie bekannt, hat Engels regelmäßig aus dieser Not ausgeholfen (durch Versendung jeweils getrennt verschickter Partien gehälfteter Banknoten - offensichtlich fürchtete man schon damals englische Posträuber). Engels ist für Wheen aber nur der treue Freund und gelegentliche Ratgeber von Marx. Als eigenständiger Autor, Politiker und Theoretiker kommt er, mit der Ausnahme der von Wheen erwähnten frühen Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England, leider nicht vor. Kein Wort etwa über sein Werk Die Dialektik der Natur, das Engels neben vielen anderen Arbeiten zu einem ebenbürtigen Klassiker der sozialistischen Arbeiterbewegung hat werden lassen.

Eine Biografie, die, wie es im Klappentext ein wenig reißerisch heißt, „den Menschen hinter dem Rauschebart in den Vordergrund rücken will", muss offensichtlich viel Menschliches, manchmal eben auch allzu Menschliches, enthalten. So wird dem Leser mitgeteilt, wie oft Marx an welchen Krankheiten litt, und dass sie sich nicht selten ausgerechnet dann von einem zum anderen Tag verschlimmerten, wenn der überpedantische und detailversessene Autor wieder einmal von Terminen für die Abgabe von längst überfälligen Manuskripten gejagt wurde. Natürlich muss auch die Klatsch-Frage ausgiebig behandelt werden, ob nun Marx tatsächlich mit seiner Haushälterin Helene Demuth einen unehelichen Sohn hatte oder nicht, oder gar Engels der Schuft war. Wheen hält denn auch eine Vaterschaft von Marx für gut möglich, meldet aber einige Zweifel an. Und schließlich wird enthüllt, dass sich Marx noch kurz vor dem Ende seines Lebens auf einer Reise in Nordafrika hat scheren lassen. „Vor der Sonne habe ich den Prophetenbart und die Kopfperücke weggeräumt", schrieb er Engels am 28. April 1882 (448). Von dem kahlköpfigen und glattrasierten Marx existiert allerdings kein Bild.

Die neue Marx-Biografie von Wheen fällt in eine Phase, in der mit dem Untergang des kanonisierten Marxismus-Leninismus nicht mehr länger die unbedingte Notwendigkeit zur Verteidigung von Marx, noch die Pflicht zur Abgrenzung von ihm weiter existiert, sieht man einmal von jenen ab, die als heutige „Marx-Töter" den Kalten Krieg mit Schwarzbüchern über den Kommunismus auch ideologisch unbedingt fortführen wollen. Wie stark die Sicht auf das Leben von Karl Marx noch vor wenigen Jahren Teil der Auseinandersetzung im Kalten Krieg war, kann man sehr gut an der 1967 im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED erschienenen Biografie von Heinrich Gemkow studieren. Marx erschien hier als unfehlbarer Titan, der stets das anstrebte, was schließlich in der DDR an Sozialismus verwirklicht wurde. Wheens Arbeit unterscheidet sich aber in der Anlage auch von derjenigen, die Fritz J. Raddatz 1975 vorgelegt hatte, in der es dem Autor seinerzeit nicht zuletzt um die Rechtfertigung des sozialdemokratischen reformistischen Weges ging. Die neue Biografie von Wheen ist aber auch nicht zu vergleichen mit dem Buch Karl Marx von Karl Korsch aus dem Jahr 1938, der seinerzeit einen erfolglosen, da isolierten Kampf sowohl gegen den Kapitulationskurs der Sozialdemokratie als auch gegen den parteiamtlichen Marxismus-Leninismus führte und in dieser Perspektive den authentischen Marxismus wieder herstellen wollte. Selbst die klassische Marx-Biografie von Franz Mehring von 1918 war aus dem Blickwinkel der Anklage gegen den Opportunismus innerhalb der deutschen Sozialdemokratie am Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben worden.

Francis Wheen hingegen verspürt hingegen kein Bedürfnis, die Darstellung des Lebens von Marx als Rechtfertigung für irgendeine politische Absicht nutzen zu wollen. Sieht man einmal von der dargestellten abseitigen Deutung des Kapitals ab, so hält er sich denn auch mit Interpretationen und Kommentaren wohltuend zurück. Über weite Strecken des Buches lässt er allein die Fakten sprechen und gibt damit dem Leser die Chance, Marx aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Das uns heute zur Verfügung stehende Hintergrundwissen über den tatsächlichen Gang der Geschichte wird dabei nicht als Filter für den Blick auf die Absichten und das Handeln der Akteure benutzt. Hierin liegt der große Nutzen der von Wheen vorgelegten Arbeit.

Abgerundet wird das Buch durch einen von Marx ausgefüllten Fragebogens, der in unveränderter Form bis vor kurzem noch als Proust-Fragebogen im Magazin der FAZ Prominenten vorgelegt wurde. Der Leser kann hier u.a. erfahren, dass Marx' Lieblingsfarbe - wer hätte das gedacht? - Rot ist. Auch eine Schachpartie ist im Postskriptum abgedruckt. Der Apparat der Anmerkungen verweist generell auf die gängige Ausgabe der Marx-Engels- Werke und gestattet damit ein problemloses Auffinden der zitierten Texte und ermutigt zum Weiterlesen. Schließlich sei noch die lebendige und offenkundig genaue Übertragung aus dem Englischen erwähnt, die von Helmut Ettinger (in der Taschenbuchausgabe von Goldmann wird fälschlicherweise der Name mit Ettlinger angegeben) besorgt wurde. Vor allem ihm ist auch die genaue Kennzeichnung der benutzten Quellen zu verdanken. In der englischen Ausgabe fehlt es daran weitgehend. So ist ein lesenswertes Buch entstanden, dem eine weite Verbreitung gewünscht wird.