Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Marianna Schauzu
Andreas Wehr

Linke müssen jetzt den Kampf gegen den Irrationalismus aufnehmen

Nicht das Corona-Virus gelte es zu bekämpfen, sondern Bill Gates mit seiner Stiftung. Nicht das Fehlen eines Impfstoffs gegen die neue Krankheit COVID-19 sei das Problem, sondern Impfungen sind des Teufels. Nicht die Angriffe eines Trump auf die WHO sind verwerflich, sondern die angebliche Zusammenarbeit dieser Organisation mit Big Pharma. Nicht die nachlässige Haltung der Bundesregierung gegenüber der heraufziehenden Pandemie ist der Skandal, sondern die von ihr angeordneten Kontaktbeschränkungen, womit sie die eigene Bevölkerung in Geiselhaft genommen habe. So und ähnlich heißt es auf den Hygiene-Demonstrationen in Berlin, bei den nichtohneuns.de-Versammlungen in München, auf den Kundgebungen der Initiative Querdenken 711 in Stuttgart sowie auf Protestmärschen und Versammlungen in vielen anderen Orten des Landes. Solche Behauptungen findet man in einem Blatt mit dem großspurigen Namen Demokratischer Widerstand, das sich als „größte Zeitung Deutschlands“ ausgibt. Und so kann man es täglich bei KenFM, auf Rubikon und auf vielen anderen Websites lesen.

Die Welt scheint verrückt geworden zu sein. Gläubige Esoteriker, unverfrorene Verschwörungsphantasten, notorische Impfgegner und Geschichtsfälscher, die die heutige Bundesrepublik mit dem Hitlerfaschismus in eins setzen und für die das Nazi-Regime und die DDR identisch sind, beherrschen das Feld.

Noch schlimmer: Einige Linke stützen und verteidigen diesen Irrsinn. Da wirft etwa ein bekannter Autor den Medien vor, den armen Ken Jebsen zum „Erz-Bösewicht des Tages“ gemacht zu haben. Und da beklagt eine Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE, dass der gegenwärtige „Demokratieabbau“ weit über das hinausgehe, was die Notstandsgesetze ermöglichten.

Zum Glück halten jedoch die meisten Linken Abstand gegenüber diesem Treiben. Die Antifa verdächtigt die Protestierenden nicht zu Unrecht nach rechts offen zu sein. Peinlich genau zählen sie die auf den Kundgebungen gezeigten Schwarz-Weiß-Roten Reichsflaggen.

Doch die Stigmatisierung der Protestbewegungen als „Querfront“ oder gar als von rechts initiiert überzeugt nicht und schreckt kaum jemanden ab. Und tatsächlich sind ja die Proteste, zumindest in ihrem Kern, Ausdruck kruder Weltsichten, die keineswegs neu sind, die aber bislang als harmlos und noch beachtenswert galten. Jetzt versammeln sich die gläubigen Leser einer seit Jahrzehnten boomenden esoterischen Literatur. Es zeigen sich die Phantasten, die nicht müde werden, mit immer neuen Theorien darüber aufzuwarten, auf welche Art und Weise denn nun die US-Regierung die Türme des World-Trade-Centers hat zusammenstürzen lassen. Es melden sich die Impfgegner zu Wort, denen es um ein Haar gelungen wäre, die Pflicht zur Masernschutzimpfung von Kindern zu torpedieren. Es demonstrieren die Gentechnikgegner, die seit Jahren vor einer angeblich drohenden „Vergiftung unseres Essens“ warnen. Schließlich die Veganer, für die das Zusichnehmen tierischer Produkte Sünde ist. All' diese Weltsichten haben sich in der Vergangenheit stark verbreitet. In der Corona-Krise zeigen sich jetzt ihre Jünger. Und es sind viele.

Eine solche Konjunktur des Irrationalismus mag nichts Ungewöhnliches sein in Flauten des Klassenkampfs, in denen eine antikapitalistische Linke noch immer unter dem Trauma des Scheiterns des realen Sozialismus leidet, sich in Anpassung flüchtet oder in Selbstmitleid ergeht. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ heißt eine Grafik von Francisco Goya. So ist es.

Doch müssen Linke spätestens jetzt fragen, wie sich ein derartiger Irrationalismus so ausbreiten konnte. Und sie müssen selbstkritisch prüfen, welche Schuld sie daran tragen. Es ist eine Tatsache, dass ihre schwachen Organisationen und die ihnen verbliebenen Publikationen vor diesem Treiben stetig zurückgewichen sind, und sie damit dem Irrationalismus immer mehr Raum gegeben haben.

Marxisten verfügten einst über eine Theorie, wie das Zusammenspiel von Staat und Monopolen schlüssig zu erklären ist. Diese Theorie des „Staatsmonopolistischen Kapitalismus“ halten sie jetzt aber verschämt versteckt, da sie auch in der Sowjetunion und der DDR verbreitet war. An ihrer Stelle beherrschen nun Verschwörungsphantasien vom „tiefen Staat“ das Feld.

Die Arbeiterbewegung war einmal Verfechter einer öffentlichen Gesundheitsvorsorge mit dem schönen Wort „Volksfürsorge“. Dazu gehörten selbstverständlich Impfkampagnen. Man war sogar stolz darauf, Impfungen auch für die Ärmsten erkämpft zu haben. Heute weicht man vor selbsternannten Impfgegnern zurück, widerspricht nicht ihren unhaltbaren Behauptungen.

Vor nicht allzu langer Zeit konnten sich Arbeiter kein oder nur selten Fleisch leisten. Heute duckt man sich vor der Modewelle des Veganismus, traut sich nicht, diese Ernährungsweise als das zu bezeichnen, was sie ist: gesundheitsgefährdend, vor allem für Kinder. Stattdessen achten Linke wie Kommunisten sorgsam darauf, dass auch bei der kleinsten ihrer Veranstaltungen mindestens ein veganes Angebot im Sortiment enthalten ist.

Es sind inzwischen linke Gemeinplätze, dass die industrielle Landwirtschaft per se verwerflich und die von ihr angewendete Gentechnik Teufelszeug sind. Vergessen ist die marxistische Erkenntnis, dass nicht die Entwicklung der Produktivkräfte das Problem ist, sondern ihre konkrete Anwendung im Kapitalismus. Erst dadurch können sie zu Destruktivkräften werden. An Stelle dessen befürwortet man die Rückkehr zu idyllischen Verhältnissen einer bäuerlichen, familiären Landwirtschaft.

Angesichts der Herausforderungen der Corona-Krise wird es höchste Zeit, dass Linke, ob Anhänger der Partei DIE LINKE, Kommunisten oder Unorganisierte, endlich aufwachen und sich wieder ihres gemeinsamen Instruments der wissenschaftlichen Weltanschauung bedienen. Das verlangt aber, zunächst einmal für Klarheit in den eigenen Reihen zu sorgen. Vor dem sich ausbreitenden Irrationalismus darf nicht länger zurückgewichen werden!

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