Das Wendejahr 1956
2008 erschien in Italien das Buch „L'anno spartiacque“ von Luciano Canfora. 2012 wurde es unter dem Titel „Zeitenwende 1956. Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand“ im PapyRossa Verlag veröffentlicht. [1] Der Autor ist Altphilologe und Historiker und lehrte an der Universität Bari. Eines seiner bekanntesten Bücher ist „Eine kurze Geschichte der Demokratie“.
Luciano Canfora verband vieles mit dem 2018 verstorbenen Domenico Losurdo. Beide besuchten zeitgleich ein Gymnasium in Bari, arbeiteten wissenschaftlich als Historiker und fühlten bzw. fühlen sich der kommunistischen Bewegung verbunden. Sowohl Canfora als auch Losurdo lehnten stets eine vernichtende Verurteilung Stalins ab, sie erlaubten sich vielmehr eine eigene, differenzierte Meinung. Ausdruck dieser Gemeinsamkeit war der Text „Von Stalin zu Gorbatschow. Wie ein Imperium untergeht“ von Canfora, der dem Buch von Domenico Losurdo „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“ [2] angefügt wurde und es ergänzte.
Canfora bündelt in seinem Buch „Zeitenwende“ ganz unterschiedliche historische Ereignisse, die sich aber – bei genauerer Betrachung – gegenseitig beeinflussten, ja bedingten: Der 20. Parteitag der KPdSU führte mit der Geheimrede Chruschtschows im Februar 1956 zum Bruch mit dem Erbe Stalins, in dessen Folge im Oktober des Jahres, erst die polnischen und dann die ungarischen Kommunisten versuchten, eigene, nationale Wege zu gehen. Vor allem die Ereignisse in Budapest entwickelten bald eine solche Dynamik, dass sich die Sowjetunion gezwungen sah, mit militärischer Gewalt einzugreifen und den „Ungarn-Aufstand“ blutig niederzuschlagen. In jenen Tagen besetzten fast zeitgleich britische und französische Truppen mit Unterstützung Israels das Port Said, um Ägypten den kurz zuvor verstaatlichten Suez-Kanal wieder zu entreißen. Das rief aber die USA auf den Plan, die darin den Versuch sahen, das britische und französische Kolonialreich wiederzuerrichten. Es kam zu einer Konvergenz der Positionen der USA mit denen der Sowjetunion: „Ein Draht hielt sowjetische und US-amerikanische Entscheidungen zusammen. Die Sowjets konnten ungestört in Budapest agieren (…); die Sowjets forderten die Franzosen und Engländer auf, sich aus Suez zurückzuziehen, und die US – Amerikaner gewährten ihnen dabei ihre volle Unterstützung. (…) Ein weiteres Mal also erwies sich dieser Draht zwischen Moskau und Washington als effektiv in einem Kontext der delikatesten und eventuell folgenschwersten Art.“ (72). Das Jahr 1956 sollte denn auch den Beginn der ersten Phase einer Entspannungspolitik zwischen den zwei Weltmächten darstellen.
Der Schwerpunkt des Buches „Zeitenwende“ ist dem 20. Parteitag der KPdSU gewidmet. Auf gut 50 Seiten beschreibt der Autor Vorgeschichte, Inhalt und Folgen der Geheimrede. Dabei kommt Chruschtschows nicht gut weg. So hatte er als Sekretär des Zentralkomitees noch auf dem vorangegangenen 19. Parteitag 1952 Stalin in höchsten Tönen gelobt: Eine Rede „im Stil der Zeit, gespickt mit Lobliedern auf die erleuchtete Führung Stalins, 'unseres geliebten Vorsitzenden und Meisters' und ähnlichen Floskeln. Ständig wird der Name Stalins in diesem langen Bericht beschworen, und dessen Einlassungen, auch solche theoretischen Charakters, werden häufig zitiert.“ (37) Und da ist der von Canfora erwähnte sowjetische Historiker Dimitri Wolkogonow, wonach Chruschtschow vor Eröffnung des 20. Parteitags „in verschiedenen Archiven des ZK und anderer Abteilungen elf Kisten Dokumente habe einsammeln lassen und verbrennen lassen. Sie betrafen vor allem die Jahre 1954 und 1955.“ (38) Chruschtschow ließ damit ganz offensichtlich Akten vernichten, die ihn hätten belasten können.
Aus der Geheimrede selbst, die als „Rede über die Verbrechen Stalins“ bekannt wurde und bei der nur die sowjetischen Parteitagsdelegierten anwesend sein durften, die keine Notizen machten durften und von der es bis heute keine offizielle Version gibt, hebt Canfora drei Anklagepunkte hervor: Zum einen die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergei Kirows, die Chruschtschow Stalin anlastete, allerdings „ohne Beweise anzuführen“ (50). Ein weiterer Vorwurf betraf den Prozess gegen den sowjetischen Marschall Michail Tuchatschewski, der zur Enthauptung fast der gesamten Armeeführung führte und das Land angesichts des deutschen Überfalls enorm schwächte. Heute aber weiß man, dass die Ankläger wahrscheinlich Opfer einer Intrige waren: Den Deutschen „gelang es, ins militärische, geheimdienstliche und politische Netzwerk der Sowjetunion Berichte einzuspeisen, mit denen einige hohe Persönlichkeiten der Armeeführung als deutsche Spione denunziert werden sollten.“ (53) Ein dritter Vorwurf betraf das „allzu blinde Vertrauen“ Stalins 1941 „auf die Loyalität des deutschen Partners und damit einhergehend der Zweifel an den Berichten über die bevorstehende Invasion.“ (52) Ein Vorwurf den heute viele Historiker für berechtigt halten. Canfora kritisiert generell den „etwas grobschlächtigen“ Ansatz von Chruschtschows Rede: „Er besagt: Dieser Mann war böse, ein ganz übles Subjekt, folglich hat er alle Fehler, die er begangen hat, aus böser Absicht begangen. Ein mieses Subjekt macht eben miese Politik – ein äußerst simples, wiewohl politisch nützliches Vorgehen im Blick auf die Operation, die Chruschtschow im Sinn hatte, historiographisch jedoch falsch und angreifbar.“ (53)
Canfora geht abschließend ausführlich auf ein Interview des Vorsitzenden der Italienischen Kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti, in der Zeitschrift 'Nuovi Argumenti' wenige Monate nach dem 20. Parteitag ein: „Eine knappe, aber eindringliche Geschichtslektion, die Togliatti Chruschtschow da erteilt, wenn er sagt: 'Ja, man kritisiert Stalins Personenkult. Man benutzte die Formel, der schädliche Personenkult hat die sozialistische Demokratie ruiniert, hat Willkür hervorgebracht etc. Wenn man jedoch die Anklage auf Defizite von Stalins Persönlichkeit beschränkt, bedeutet das, weiter im Rahmen des Personenkults zu verharren: Einst war alles, was gut ist, den übermenschlichen positiven Eigenschaften eines einzigen Mannes zu verdanken – jetzt wird alles, was schlecht ist, den gleicherweise außergewöhnlichen Mängeln desselben Mannes zugeschrieben.'“ (67 f.) Anschließend zitiert Canfora eine Stichelei Togliattis: „'Diese Denkart hat mit Marxismus nichts zu tun', womit er also der Sowjetspitze bescheinigt, wenig marxistisch zu sein. 'Die wahren Probleme treten dabei nicht zutage – so zum Beispiel, wie es kam, dass die Sowjetgesellschaft sich so weit vom selbst vorgezeichneten Weg und von der Legalität entfernen konnte. (…) Man kann die Überlegung nicht auf eine psychologische oder psychopathologische Analyse einer Persönlichkeit beschränken, man muss in die Tiefe gehen und sich fragen, warum die Sowjetgesellschaft degeneriert ist.'“ (68) Eine solche, in die Tiefe gehende Analyse ist aber von der KPdSU nie vorgelegt worden. Es kann kein Zweifel geben, dass diese Sichtweise Togliattis auf die Geheimrede Chruschtschows auch jene Luciano Canforas ist.
[1] Luciano Canfora, Zeitenwende 1956. Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand, Köln 2012, 128 S. Die im Text in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die Seiten im Buch.
[2] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, Köln 2012, 452 Seiten.
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