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Vorwort zum Buch Die Deutschen - Sonderweg eines unverbesserlichen Volkes?

 

Also seid ihr

Verschwunden aber

Nicht vergessen,

Niedergeknüppelt aber

Nicht widerlegt

Mit allen unaufhaltsamen Weiterkämpfenden

Die wahren Führer Deutschlands

 

Aus: Hanns Eisler, Deutsche Symphonie, An die Kämpfer in den Konzentrationslagern, März 1935

 

I.

 

Angesichts des Scheiterns der Weimarer Republik und des Aufstiegs des Faschismus wird die Analyse des Erlebten unter dem Begriff "deutsche Misere" zu dem Erklärungsbild für die historische Entwicklung Deutschlands. Das Land wird gegenüber anderen westeuropäischen Nationen als "zurückgeblieben" und seine Staatswerdung als "verspätet" betrachtet. Deutschland ist das "Stiefkind", der "Nachzügler" in der demokratischen, bürgerlichen Entwicklung Europas. Grundlegend für diese Sicht wird das 1935 erstmals erschienene Werk Die verspätete Nation, Über die Verführbarkeit bürgerlichen Geistes,[1] von Helmuth Plessner. Für die Linke prägend werden die Arbeiten Georg Lukascs'. Sein Buch Die Zerstörung der Vernunft[2] übt einen enormen Einfluss auf all jene aus, die sich um ein umfassendes Verständnis für das Aufkommen des Nationalsozialismus, seine ungeheure Machtentfaltung und für den dann folgenden tiefen Sturz bemühen. Mit dem Begriff "deutsche Misere" scheint endlich der Erkenntnisschlüssel für das vermeintlich verhängnisvolle deutsche Schicksal gefunden zu sein. Mit welchem geschichtlichen Ereignis diese Deviation ihren Ausgang nahm, bleibt dabei umstritten. Nicht selten geht man bis Martin Luther, seinem Verrat an den Bauern, dem Bündnis der Lutheraner mit der Obrigkeit unter ihrer Hinwendung zu neuer Innerlichkeit zurück. Marxistische Theoretiker in der entstehenden DDR wie Alexander Abusch, Jürgen Kuczynski und Leo Kofler greifen in ihren Analysen der deutschen Geschichte auf diesen Sonderwegsansatz zurück. So schreibt der KPD-Theoretiker Alexander Abusch 1946: „Die Niederlage der deutschen Freiheit im großen Bauernkrieg hüllte drei Jahrhunderte der deutschen Geschichte in die Finsternis der Reaktion."[3]

 

In der Literatur ist es Thomas Mann, der in seinem Roman Doktor Faustus von einer traditionellen Verführbarkeit des deutschen Geistes spricht. Der Komponist Hanns Eisler schreibt für das Stück Schweyk von Bertolt Brecht das Lied von der Deutschen Miserere. Wie Thomas Mann greift auch Hanns Eisler 1953 das Faust-Motiv in seinem Opernlibretto Johann Faustus auf, um ihn als typischen Repräsentanten des deutschen Geisteslebens darzustellen. Bertolt Brecht hingegen teilte diese Bewertung der deutschen Geschichte nicht. In den Erinnerungen von Ernst Schumacher an ihn heißt es: „Im weiteren Gespräch explizierte Brecht, dass er sich in seinen 'Thesen zur Faustus-Diskussion' in der Akademie der Künste von der Auffassung distanziert habe, die deutsche Geschichte sei nichts weiter als eine einzige Misere und nur negativ zu bewerten (...)"[4]

 

In der DDR wird die unter dem Begriff deutsche Misere geführte Sonderwegsdebatte bereits Anfang der fünfziger Jahre beendet. Im "Kampf um das klassische Erbe", als Bestandteil des Ringens um die Einheit des Landes, wird die Sicht auf die deutsche Geschichte offener und differenzierter. Später, in den siebziger und achtziger Jahren, kommt es in der Geschichtswissenschaft und in der Publizistik der DDR sogar zu einer grundsätzlichen Neubewertung einer Reihe wichtiger geschichtlicher Ereignisse. So verändert sich etwa die Sicht auf Martin Luther.[5] Und die anfangs pauschale Verurteilung Preußens als nur militaristisch und reaktionär wird aufgegeben, so dass man am Ende der achtziger Jahre sogar von einer Rehabilitierung Preußens in der DDR sprechen kann.[6] Schließlich wird auch der vom Adel getragene Widerstand des 20. Juli 1944 grundsätzlich neu und nun positiv bewertet. In der Bundesrepublik verhindert hingegen die Restauration ein allzu tiefes Nachdenken über die Ursachen der deutschen Katastrophe. Allerdings bleibt der Plessner-Schüler Christian Graf von Krockow in seinen populärwissenschaftlichen Analysen der preußischen und deutschen Geschichte dem Sonderwegsansatz treu.

 

Doch die frühen Theoretiker eines „Irrwegs" bzw. einer „Verspätung" der deutschen Nation waren weit davon entfernt, die von ihnen diagnostizierte Fehlentwicklung als typisch deutsch oder gar unüberwindbar darzustellen. So appelliert etwa Alexander Abusch unmittelbar nach Kriegsende 1946 in seinem Buches Irrweg einer Nation leidenschaftlich an die progressiven Elemente im Nachkriegsdeutschland: „Das deutsche Volk hat so wenig die Aggression seit Tacitus' und der alten Germanen Zeiten 'im Blute' wie irgendein anderes Volk. Die Seele des deutschen Volkes wird nicht durch die Trustherren und Junker repräsentiert - und auch nicht durch die entmenschten Verbrecher, die sie sich dingen konnten. So wissen wir, dass die Verwirrung des Denkens und der Gefühle im deutschen Volk überwunden werden kann, nachdem 'die Hitlers' ihr verdientes Ende gefunden haben."[7] Und Hellmuth Plessner hebt in seinem Buch Die verspätete Nation, das 19. Jahrhundert als Zeitalter hervor, in dem Deutschland von seinen geistigen Potenzialen her das führende Land der europäischen Zivilisation hätte werden müssen: „Deutschland war deshalb dazu berufen, das führende Land, die Stimme dieses Jahrhunderts zu werden, in dem ein Weltalter zu Ende ging, um ein neues Weltalter einzuleiten. Schon das ausgehende 18. Jahrhundert sieht den Anfang der deutschen Bewegung, die das Kommende, noch ehe die Folgen der französischen Revolution, die neuen Entdeckungen und Erfindungen das überlebende Mittelalter und Nachmittelalter auflösten, bis in seine letzten Möglichkeiten zu Ende gedacht hat. Kein Land hat im 19. Jahrhundert Männer hervorgebracht, die einem Kant, Hegel, Marx oder Nietzsche an Größe und revolutionärer Gefährlichkeit an die Seite zu stellen sind. Die Epoche des Traditionszerfalls brauchte das Land der Traditionslosigkeit, um sich in seinem Geiste erst ganz zu finden. Deutsches Wesen und 19. Jahrhundert gehören zusammen. Eines ist ohne das andere nicht zu verstehen."[8] Und Hanns Eisler ließ sich in der 1935 von ihm komponierten Deutschen Symphonie nicht nehmen, die in den Konzentrationslagern "Weiterkämpfenden" als die "wahren Führer Deutschlands" den in Deutschland herrschenden Nazis entgegen zu stellen.

 

 

II.

 

Unter gänzlich anderen Vorzeichen taucht der Begriff deutscher Sonderweg 1963 bei Jürgen Habermas in seinem Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit wieder auf. Darin appelliert er aber nicht an die Deutschen, sich der fortschrittlichen Elemente ihrer Geschichte anzunehmen. Er plädiert vielmehr dafür, sich - in Abgrenzung zu den zurückgebliebenen deutschen Verhältnissen - die englische Politik und Öffentlichkeit zum Vorbild zu nehmen. Doch 1963 ist auch das Jahr des Endes des Algerienkriegs. Die Weltöffentlichkeit nimmt mit Entsetzen zur Kenntnis, was im französischen Namen, im Namen der Nation, die doch für die universellen Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit steht, für Verbrechen begangen wurden. Doch nicht nur Frankreich gerät in die Kritik. Im Fernen Osten eskaliert der Vietnamkrieg. Die USA gleiten immer tiefer in den indochinesischen Sumpf. Beide Ereignisse werden zu Schlüsselereignissen für eine junge Intellektuellengeneration in der alten Bundesrepublik. An den Universitäten setzt man sich nicht allein mit den Verbrechen und Verstrickungen der Elterngeneration in der NS-Zeit auseinandersetzen. Dort beginnt man zugleich, sich von den geistigen Übervätern, den westlichen Siegermächten, zu emanzipieren. In dieser Situation erinnert der Intellektuelle Habermas nicht ohne Hintersinn an den deutschen Sonderweg: Jede mögliche Gefährdung der von SPD und Gewerkschaften gerade erst akzeptierten Westbindung der Bundesrepublik soll bereits im Keim erstickt werden.

 

Seitdem steht die Frage im Raum: Dürfen Deutsche das? Schnell war das Verdikt ausgesprochen, dass eine vehemente Kritik von links an der Politik der westlichen Mächte, und hier vor allem an der der USA, allein einer nationalistischen deutschen Rechten Gelegenheit zur Schädigung der noch ungefestigten jungen deutschen Demokratie bieten würde. Bei der Nachrüstungsdebatte Anfang der achtziger Jahre geht man noch einen Schritt weiter. Es wird die Frage gestellt, ob nicht so manches Argument der Friedensbewegung lediglich eine Camouflage für das alte romantische Blut- und Boden Denken der Rechten ist. Gefragt wird: War dort denn nicht schon einmal eine illusionäre Politik des "aus der Welt seins", ein romantischer Antikapitalismus und eine Schaukelpolitik zwischen West und Ost heimisch gewesen? Bei Heiner Geisslers bösartiger Polemik, daß der Pazifismus Auschwitz erst möglich gemacht habe, steht dieser Vorwurf im Hintergrund. Die alte Debatte um einen deutschen Sonder- bzw. Irrweg war damit unversehen in ihr Gegenteil verkehrt worden. Sie war nicht mehr, wie noch bei Plessner oder Abusch, Kritik an der deutschen Reaktion, an der Sehnsucht nach vordemokratischen Verhältnissen; sie war nicht mehr Kritik an Militarismus, Obrigkeitsdenken und rassistischen Weltbildern. Jetzt diente sie vielmehr der Verdammung der Kritiker der führenden Macht des Westens, der USA. Jede deutsche Abweichung von der Politik der hegemonialen westlichen Macht wurde fortan als Sonderweg denunziert.

 

Wie dieses Spiel der Assonanzen funktioniert, wurde 1999 in der Debatte um die deutsche Beteiligung am Kosovokrieg demonstriert. Die linksliberale Wochenzeitung Freitag hatte eine Debatte unter dem Motto: Deutsche Sonderwege: Außenpolitik zwischen Bündnistreue und Emanzipation begonnen. Die von der Zeitung gestellte Ausgangsfrage lautete: „Hätte Deutschland sich dem Kosovo-Krieg verweigern können und müssen? Und wäre das dann der Präzedenzfall für einen erneuten 'deutschen Sonderweg' gewesen? Oder war die Kriegsteilnahme ein bündnispolitisches Muss - moralisch geboten und außenpolitisch gerechtfertigt?"[9]

 

In der Debatte bemühten sowohl der langjährige außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und damaliger Koordinator für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt, Karsten Voigt, als auch der Historiker Herfried Münkler die deutsche Geschichte als Begründung für ihr Ja zum Kosovo-Krieg. Münkler vermutete in seinem Beitrag nicht zu Unrecht, dass das eigentliche Motiv der rot-grünen Bundesregierung zur Teilnahme am Angriff darin bestand, keinen Zweifel an der Westbindung des vereinigten Deutschlands aufkommen zu lassen. Zur Begründung für diese von ihm als "Staatsräson" angesehene Festlegung auf den Westen geht er in klassischer Sonderwegstradition weit in die Geschichte zurück. Die deutsche Position sei, so Münkler, immer ungünstig gewesen, wenn Europa gespalten war. Und "dieser Konstellation hat sich Deutschland vom Dreißigjährigen Krieg bis in unser Jahrhundert, bis 1989/90 immer wieder gegenübergesehen." Doch mit der endgültigen Westbindung sei nun dies vorbei: "Die geopolitischen Interessen Deutschlands, die Westbindung zur Staatsräson zu erheben, und die politische Grundorientierung nunmehr schon mehrerer Generationen (west)deutscher Politiker stimmen also überein, und das ist ein in der Geschichte seltener Glücksfall." Und mit Erleichterung schreibt er 1999 über die geläuterte Politik der ersten rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer: "Westbindung war für sie nicht mehr bloß die Fortsetzung der Politik Adenauers, die lange Zeit von links als 'Restauration des Kapitalismus' kritisiert worden war, sondern darüber hinaus wurde sie - allmählich, aber um so verbindlicher - zum Ausdruck einer Gemeinsamkeit der Werte und Ziele, in der man sich als Deutscher heimisch fühlen konnte."[10]

 

Bis zur deutschen Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien waren es vor allem die Grünen, die unter den Verdacht des Beschreitens eines deutschen Sonderwegs gestellt wurden. Mit ihrer aktiven Unterstützung des deutschen Beitrags beim Angriff war dieser Vorwurf hinfällig geworden. Jetzt waren es die verbliebenen Gegner des NATO-Krieges, und hier insbesondere die PDS, denen die Schelle des Sonderwegs umgehängt wurde. In seinem Debattenbeitrag im Freitag schrieb Karsten Voigt: "So ist die PDS in den letzten Jahren zu einer Partei geworden, die von unseren Nachbarn in Ost und West zu Recht als die linke Variante der verhängnisvollen Variante eines deutschen Sonderwegs angesehen wird."[11]

 

Die von Münkler wie Voigt vermittelte Botschaft ist klar und eindeutig: Wer sich dem unbedingten Weltmachtstreben der USA entgegenstellt, sich militärischen Abenteuern an ihrer Seite verweigert, der verlässt den Weg der Normalität, brüskiert das westliche Bündnis, indem er dessen Werte ignoriert, und der geht am Ende einen verhängnisvollen Sonderweg. Nicht anders wird heute mit Blick auf die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan argumentiert. Die Sonderwegsdebatte ist längst zu einem politischen Knüppel verkommen, der die Gefolgschaft gegenüber den USA garantieren soll. In abstoßender Weise wird dabei das Schamgefühl der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen missbraucht. Zugleich wird die Ungeheuerlichkeit dieser Verbrechen relativiert. Dafür steht die Aussage bundesdeutscher rot-grüner Politiker, dass der Angriff auf Jugoslawien notwendig war, um ein neues Auschwitz zu verhindern.[12]

 

 

III.

 

Man muss leider anerkennen, dass diese Sonderwegsdebatte ihre Wirkung in der Öffentlichkeit nicht verfehlt. Die Linke meidet Auseinandersetzungen um die deutsche Nation. Antideutsche Strömungen in unterschiedlichsten Abstufungen von der Zeitschrift Bahamas, über konkret, den Bundesarbeitskreis Shalom in der Jugendorganisation der Linkspartei bis hin zur Zeitschrift prager frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus, ebenfalls in der LINKEN beheimatet, haben daher leichtes Spiel. Ihre antideutsche Agitation beeinflusst erheblich den linken Diskurs.

 

Angesichts der defensiven Haltung der gesellschaftlichen Linken in der Nationendebatte war es umso verdienstvoller, dass sich die Marx-Engels-Stiftung dieses Themas annahm. Auf zwei Tagungen, am 25./26. November 2006 und am 29./30. September 2007, wurden dort unterschiedlichste Aspekte dieses so wichtigen Themas behandelt. Zur Sprache kamen dabei sowohl die scharfen Wendungen der DDR-Führung in der nationalen Frage und die Haltung der westdeutschen Kommunisten zur staatlichen Einheit des Landes. Hinterfragt wurde die These, wonach die europäischen Nationen im Zuge der EU-Integration überflüssig werden könnten. Auf der Tagesordnung stand auch das enge Verhältnis von Kultur, Sprache und Nation.[13] Die wichtigsten Referate dieser Tagungen erschienen in der Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift Marxistische Blätter unter dem Titel Die Linke und das Nationale. Ein Artikel in diesem Heft stammte von Domenico Losurdo. Er trug die Überschrift Nationale Frage, Kampf um Hegemonie und der Mythos vom deutschen Sonderweg. Er sollte Ausgangspunkt einer kontroversen Diskussion in der Zeitschrift werden, die sich über insgesamt sieben Ausgaben bis ins Jahr 2009 erstreckte.

 

Bereits im Heft 1/2008 nahmen die Mitglieder der Redaktion der Marxistischen Blätter, Beate Landefeld und Klaus Wagener, zum Beitrag von Domenico Losurdo Stellung.[14] Gleich dreimal meldete sich Lorenz Knorr in den folgenden Heften zu Wort.[15] Der Kritisierte selbst griff zweimal mit Beiträgen in die Debatte ein.[16] Den Abschluss bildete schließlich ein Artikel von Thomas Metscher[17]

 

Aus dieser Kontroverse unter Marxisten kann einiges gelernt werden. Neues, bisher nicht schon so oft Gesagtes und Gehörtes, hatten die Kritiker Losurdos kaum vorzutragen. Deutlich erkennbar wurde hingegen die große Angst, ob berechtigt oder nicht, in irgendein Fettnäpfchen zu treten. Der mächtige antideutsche Diskurs in diesem Lande zeigte abermals seine verheerende Fähigkeit zur Durchsetzung von Denkverboten. In den Interventionen zeigte sich zudem eine große Unwilligkeit, einmal erworbene Erkenntnisse noch einmal kritisch hinterfragen zu lassen. Während Domenico Losurdo in seinen Beiträgen immer aufs Neue bemüht war, mit der Präsentation unterschiedlichster Sichtweisen den komplizierten historischen Ge­genstand aus verschiedensten Blickwinkeln auszuleuchten, wurde ihm - insbesondere von Lorenz Knorr -  mit den immer gleichen Stereotypen geantwortet. Es fehlte bei den Kritikern an der Einsicht, die Geschichte Deutschlands als integralen Bestandteil der Entwicklung kapitalistischer Nationen zu werten. Nicht aufgegriffen wurden die zahlreich von Losurdo präsentierten Hinweise auf Quellen, aus denen der deutsche Faschismus seine Inspirationen erhalten hatte. Sie entstammten keineswegs nur der deutschen Geistesgeschichte. Vieles kam aus Großbritannien, Frankreich, Italien, vor allem aber aus den USA. Erst am Ende der Debatte sprang Thomas Metscher Domenico Losurdo bei. Metscher schrieb in seinem Beitrag: "Wenn 'Sonderfall' aber heißen soll (und ich fürchte, dies ist Knorrs Auffassung), dass der geschichtliche Weg Deutschlands seit 1789 etwas 'völlig anderes' sei als der der anderen europäischen Nationen - dass auf der einen Seite der Weg in Rassismus, Militarismus und Diktatur steht, auf der anderen die zivilisatorische Entwicklung zur Demokratie, das Bündnis von Volkssouveränität, Aufklärung und Humanismus -, so ist seiner These vehement zu widersprechen. Dabei geht es nicht um die Unheilsgeschichte Deutschlands, die unbestritten sei, es geht um die Auffassung eines demokratisch-zivilatorischen 'Normalwegs' der europäischen Nationen. Diese sitzt einer Ideologie auf, die den gesamten kolonialen Unterbau der europäischen Zivilisation - die Geschichte des Kolonialismus, ohne den Europa nicht das geworden wäre, was es ist - total unterschlägt."[18]

 

 

IV.

 

In dem vorliegenden Buch wurden die drei Beiträge von Domenico Losurdo aus den Marxistischen Blättern der Jahrgänge 2008 und 2009 in leicht überarbeiteter Form zusammengefasst. Aufgenommen wurde zudem sein Artikel Kampf um ein Schlüsselwort. Die Linke sollte die Idee der Nation nicht preisgeben  aus der Tageszeitung junge Welt [19]. Dort hatte er auf einen vorangegangenen Beitrag von Thomas Wagner in der Zeitung geantwortet.[20]  Dem zweiten Kapitel des Buches liegt der Artikel „White Supremacy" und Konterrevolution, Die Vereinigten Staaten, das
Russland der "Weißen" und das Dritte Reich, von Domenico Losurdo zu Grunde.[21]

 

Die Kontroverse über das Für oder Wider eines deutschen Sonderwegs zeigt auf, wie wichtig es ist, diese Debatte zu führen. Die deutsche Linke wird erst dann wieder  in die Offensive kommen, wenn sie sich hier nicht länger wegduckt. Sie muss vielmehr ein selbstbewusstes Verhältnis im Umgang mit der Nation zurückgewinnen, wie es in anderen Ländern so selbstverständlich ist. Geht sie dem weiter aus dem Weg und verharrt sie in alten Denkschablonen, bleibt sie sprachlos gegenüber antideutschen Strömungen aber auch gegenüber all den Münklers und Voigts, die den Knüppel "deutscher Sonderweg" immer wieder neu aus dem Sack holen, um eine US-kritische Linke disziplinieren zu können. Eine Politik, die den Hegemonialanspruch der USA wirksam in Frage stellt, wird so nicht gelingen.

 

Man sollte sich die Tatsache in Erinnerung rufen, dass viele Opfer des deutschen Faschismus selbst in den dunkelsten Stunden nicht hinzunehmen bereit waren, Deutschland mit ihren Peinigern gleichzusetzen. Viktor Klemperer schilderte ein Gespräch mit einem Leidensgenossen in Dresden während der Naziherrschaft. Es handelt sich dabei um einen überzeugten Zionisten, der zu ihm sagt: „Und sie wollen noch immer Deutscher sein und sogar Deutschland lieben? Nächstens werden sie noch Hitler und Goebbels eine Liebeserklärung machen!" Darauf Viktor Klemperer: „Die sind nicht Deutschland, und Liebe - das trifft auch nicht den Kern der Sache."[22]  

 


 

[1] Hellmuth Plessner, Die verspätete Nation, in: Gesammelte Werke VI, Frankfurt/M. 1982 

[2] Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft, Aufbau Verlag, Berlin 1954

[3] Alexander Abusch, Der Irrweg einer Nation, Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Aufbau-Verlag, Berlin 1946, S. 29

[4] Ernst Schumacher, Mein Brecht, Erinnerungen, Leipzig, 2006, S. 291

[5] Vgl. Gerhard Brendler, Martin Luther, Theologie und Revolution, Berlin 1983

[6] Hier ist vor allem die zweibändige Bismarck-Biographie des Historikers Ernst Engelberg, herausgegegeben 1985 und 1990, zu nennen.

[7] Alexander Abusch, a. a. O., S. 265   

[8] Hellmuth Plessner, a. a. O., S. 92

[9] Vgl. Der Freitag, Ausgabe 29/1999

[10] Vgl. Herfried Münkler, Bündnistreue als Staatsräson, in: Der Freitag, Ausgabe 30/1999

[11] Vgl. Karsten Voigt, Bündnistreue als Emanzipation, in: Der Freitag, Ausgabe 29/1999

[12] Der Begriff "Sonderweg" wird inzwischen ziemlich wahllos für alles Mögliche gebraucht, was nicht im Konsens mit der US-Politik geschieht. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde am 22.11.2008 unter der Überschrift "Lieber arm als reich auf Pump" ein Artikel veröffentlicht, der sich mit der französischen Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise befasste. Darin hieß es einleitend: "Plötzlich reden alle von Moral, die Revolution ruft niemand aus: Frankreich erlebt die Finanzkrise als 'Tsunami' und kehrt auf seinen Sonderweg zurück." Was es mit diesem "Sonderweg" auf sich hat, wird anschließend wie folgt erläutert: "Außenpolitisch ging der Begründer der Fünften Republik den dritten Weg zwischen den Blöcken in Ost und West. Dem entsprach die französische Wirtschaftspolitik: Staatskapitalismus und Sozialstaat." Am Ende wird der Schluss gezogen: "Das Land kehrt auf den dritten Weg zurück, von dem es abgekommen war."

[13] Vgl. dazu den Bericht von Andreas Wehr, Die Linke und die Nation, in: Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Z Heft 72, Dezember 2007, S. 174 ff.

[14] Beate Landefeld, Historischer Realismus ist kein nationaler Nihilismus, Anmerkungen zu Domenico Losurdos Aufsatz in diesem Heft und Klaus Wagener, Ideen und Interesse, Anmerkungen zu Domenico Losurdo, beide Artikel in Marxistischen Blätter, Heft 1-2008.

[15] Vgl. Lorenz Knorr, Deutscher Sonderweg - Losurdo irrt, in: Marxistische Blätter, Heft 2-2008, ders., Domenico Losurdo, Deutscher Sonderweg, in: Marxistische Blätter, Heft 5-2008 und ders. Deutscher Sonderweg in Marxistische Blätter, Heft 2-2009

[16] Domenico Losurdo, Deutscher Sonderweg und andere Wege, in: Marxistische Blätter, Heft 3-2008 und ders. Was heißt 'Sonderweg'? in: Marxistische Blätter, Heft 1-2009

[17] Thomas Metscher, Eine kritische Anmerkung zur Kontroverse über den 'deutschen Sonderweg', in: Marxistische Blätter, Heft 2-2009

[18] Thomas Metscher, a. a. O.

[19] Domenico Losurdo, Kampf um ein Schlüsselwort. Die Linke sollte die Idee der Nation nicht preisgeben, in: junge Welt vom 04.07.2008

[20] Thomas Wagner, Auf ideologischem Glatteis, junge Welt vom 17.06.2008

[21] Domenico Losurdo, White Supremacy und Konterrevolution, Die Vereinigten Staaten, das Russland der „Weißen" und das Dritte Reich, in: Christoph J. Bauer , Faschismus und soziale Ungleichheit, Universitätsverlag, Rhein-Ruhr, Duisburg, 2007, Seiten 155-185

 

[22] Viktor Klemperer, LTI - Notizbuch eines Philologen , Berlin 1996, S. 255