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Referenzprojekt der europäischen Linken zieht Protest die Zähne

"Der kurze griechische Frühling - Das Scheitern von Syriza und seine Konsequenzen"

Kreuzt man den von der deut­schen und eu­ro­päi­schen Lin­ken weit­hin er­ho­be­nen Ruf nach einem de­mo­kra­ti­schen und so­zia­len Eu­ro­pa mit dem tra­gi­schen Schei­tern Sy­ri­z­as in Grie­chen­land, zeich­net sich ein un­über­brück­ba­rer Wi­der­spruch ab. Wer die Ver­si­on fa­vo­ri­siert, Al­exis Tsi­pras und seine Re­gie­rung seien im er­pres­se­ri­schen Wür­ge­griff der EU in die Knie ge­zwun­gen wor­den, wird wei­ter der Vor­stel­lung an­hän­gen, ein neuer An­lauf nach dem­sel­ben Mus­ter einer re­for­mier­ba­ren Eu­ro­päi­schen Union sei die ein­zi­ge und un­ab­weis­li­che Op­ti­on. Zieht man hin­ge­gen die Schluß­fol­ge­rung, daß mit der Hin­nah­me des ins­be­son­de­re von Ber­lin durch­ge­setz­ten Spar­dik­tats durch die Sy­ri­za-Re­gie­rung der grie­chi­schen Be­völ­ke­rung, deren Pro­test­be­we­gung und der ge­sam­ten eu­ro­päi­schen Lin­ken eine schwe­re Nie­der­la­ge bei­ge­bracht wor­den sei, kommt man nicht umhin, ein de­mo­kra­ti­sches und so­zia­les Eu­ro­pa unter den Be­din­gun­gen des Euro und der EU als Il­lu­si­on aus­zu­wei­sen.

Letz­te­res ist eine Po­si­ti­on, die An­dre­as Wehr seit Jah­ren auf fun­dier­te Weise gel­tend macht und in sei­nem neu­es­ten Buch "Der kurze grie­chi­sche Früh­ling - Das Schei­tern von Sy­ri­za und seine Kon­se­quen­zen" [1], das er im Rah­men der 21. Lin­ken Li­te­ra­tur­mes­se in prä­gnan­ten Aus­zü­gen vor­ge­stellt hat, be­legt und ver­tieft. Der Autor weiß aus ei­ge­ner lang­jäh­ri­ger Er­fah­rung als Mit­ar­bei­ter in der Kon­fö­de­ra­len Frak­ti­on der Ver­ei­nig­ten Eu­ro­päi­schen Linken/Nor­di­sche Grüne Linke im Eu­ro­pa­par­la­ment, wovon er spricht. Er hat die ver­hee­ren­de Ent­wick­lung seit dem Aus­bruch der eu­ro­päi­schen Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se im Jahr 2007 in­ten­siv ver­folgt und in einer Reihe von Bei­trä­gen und Bü­chern pu­bli­zis­tisch auf­be­rei­tet.

Wenn­gleich die immer en­ge­re Takt­fol­ge mul­ti­pler Kri­sen und Kon­flik­te die grie­chi­sche Ge­men­ge­la­ge weit­ge­hend aus der ta­ges­ak­tu­el­len Be­richt­er­stat­tung ver­drängt hat, ist die Pro­ble­ma­tik kei­nes­falls aus­ge­stan­den. Die Linke soll­te nicht dar­auf ver­zich­ten, sich sub­stan­ti­ell mit dem De­sas­ter in Grie­chen­land und dem Schick­sal Sy­ri­z­as zu be­fas­sen. Zum einen hat der IWF sei­nen Rück­zug an­ge­kün­digt, so­fern kein Schul­den­schnitt kommt. Dem­zu­fol­ge wird die Pro­ble­ma­tik mit hoher Wahr­schein­lich­keit er­neut auf die deut­sche In­nen­po­li­tik zu­rück­schla­gen, wenn kein Weg mehr an Ab­schrei­bun­gen vor­bei­führt. Zum an­de­ren setzt Grie­chen­land ein ge­ra­de­zu ka­te­go­ri­sches Zei­chen des Um­gangs der EU mit Staa­ten, die dis­zi­pli­niert wer­den sol­len. Das gilt für Por­tu­gal, Spa­ni­en und viel­leicht eines Tages auch für Ita­li­en.

Ver­häng­nis­vol­le Ver­klä­rung der Eu­ro­päi­schen Union

An­dre­as Wehr zeich­net den er­staun­li­chen Hö­hen­flug Sy­ri­z­as nach, die aus der klei­nen und schon lange exis­tie­ren­den Par­tei Syn­as­pis­mos her­aus einen bei­spiel­lo­sen Auf­stieg zu einer Par­tei voll­zo­gen hat, die bei den Wah­len im Ja­nu­ar 2015 35 Pro­zent er­reich­te. Eine ähn­lich ra­san­te Um­grup­pie­rung des po­li­ti­schen Spek­trums in der Krise zeigt auch Po­de­mos in Spa­ni­en, die je­doch nicht auf eine Vor­gän­ger­par­tei zu­rück­grei­fen konn­te, son­dern erst 2014 ge­grün­det wurde. Der Auf­stieg Sy­ri­z­as ging mit dem Ab­stieg der klas­si­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie ein­her. Kam die PASOK unter Gior­gos Pa­pand­reou im Herbst 2009 noch auf 45 Pro­zent, so stürz­te die Par­tei bei den letz­ten Wah­len auf kaum mehr als 5 Pro­zent ab. Die­ser ge­wal­ti­ge Um­bruch ist nur im Zu­sam­men­hang des bei­spiel­lo­sen so­zia­len De­sas­ters er­klär­lich, wel­ches das so­ge­nann­te Ret­tungs­pro­gramm der EU her­bei­ge­führt hat. So rasch wie der Auf­stieg Sy­ri­z­as an die Re­gie­rungs­macht dürf­te auch der Ab­stieg die­ser Par­tei von­stat­ten gehen. Sie liegt in Um­fra­gen be­reits deut­lich hin­ter der kon­ser­va­ti­ven Nea Di­mo­kra­tia, und auch die Rechts­ra­di­ka­len sind auf dem Vor­marsch.

We­sent­lich für das Ver­ständ­nis Sy­ri­z­as ist deren Ein­schät­zung Eu­ro­pas. Auf dem letz­ten Par­tei­tag wurde die Po­si­ti­on von Al­exis Tsi­pras noch ein­mal be­stä­tigt. An­dre­as Wehr zi­tiert in die­sem wie auch allen fol­gen­den Bei­spie­len aus sei­nem jüngs­ten Buch. Im De­zem­ber 2013 stell­te Tsi­pras in der Le Monde Di­plo­ma­tique dar, wie er die EU sieht: Das heu­ti­ge Eu­ro­pa, der ge­mein­sa­me Markt und die Eu­ro­päi­sche Union wur­den auf dem Fun­da­ment be­stimm­ter Prin­zi­pi­en er­rich­tet: Kein Krieg mehr in Eu­ro­pa, uni­ver­sel­le Men­schen­rech­te und ein Ge­mein­schafts­ver­trag, der auf meh­re­ren Säu­len ruht. So­zia­le In­klu­si­on und Ab­si­che­rung, ein öf­fent­li­ches Bil­dungs- und Ge­sund­heits­we­sen und eine all­ge­mei­ne So­zi­al­für­sor­ge, schließ­lich die schritt­wei­se An­nä­he­rung des Le­bens­stan­dards der är­me­ren Re­gio­nen an das Ni­veau der er­folg­rei­chen Län­der. Das alles ist kei­nes­wegs die neue eu­ro­päi­sche Idee, es ist die alte eu­ro­päi­sche Idee, aber die wurde vor Jah­ren von einer Ideo­lo­gie der Märk­te und der be­din­gungs­lo­sen Kon­kur­renz ver­drängt, von der neuen eu­ro­päi­schen Idee na­mens Neo­li­be­ra­lis­mus. Und jetzt geht es darum, un­se­re Part­ner davon zu über­zeu­gen, daß der heute ver­folg­te Kurs uns alle, das heißt alle Eu­ro­pä­er, in eine schreck­li­che Sack­gas­se führt.

Er sei 15 Jahre Mit­ar­bei­ter im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment ge­we­sen, so Wehr, doch eine sol­che EU sei ihm nie be­geg­net. Er habe es stets mit einer EU zu tun ge­habt, die von An­fang an eine neo­li­be­ra­le ge­we­sen sei und die­ses Grund­mus­ter mit dem Maas­trich­ter Ver­trag und dem Euro um so mehr ver­fes­tigt habe. Grund­la­ge der Po­li­tik Sy­ri­z­as sei eine il­lu­sio­nä­re Vor­stel­lung von Eu­ro­pa, ver­bun­den mit der Hoff­nung, daß man "die Part­ner" von einer an­de­ren Po­li­tik über­zeu­gen könne. Dabei sei nach der Re­gie­rungs­über­nah­me Ende Ja­nu­ar 2015 re­la­tiv schnell klar ge­wor­den, daß das nicht funk­tio­nie­ren würde. Tsi­pras, Va­rou­fa­kis und an­de­re reis­ten in die eu­ro­päi­schen Haupt­städ­te, um die So­zi­al­de­mo­kra­ten zu über­zeu­gen. Über­all wur­den sie damit kon­fron­tiert, daß es für ihre Po­li­tik, mit der sie die Wah­len ge­won­nen hat­ten, näm­lich Schul­den­schnitt und Ende der Aus­te­ri­täts­po­li­tik, keine Zu­stim­mung gebe. Sig­mar Ga­bri­el nahm dies­be­züg­lich im Juni 2015 in der Bild-Zei­tung kein Blatt vor den Mund:

Wür­den sich die Hard­li­ner in Grie­chen­land durch­set­zen, wäre das kein Sieg der Lin­ken, son­dern der rechts­ex­tre­men Na­tio­na­lis­ten. Es wäre das Zei­chen, daß man mit na­tio­na­len In­ter­es­sen Eu­ro­pa er­pres­sen kann, ge­ra­de­zu ein Auf­bruchs­si­gnal für die Rech­ten wie Le Pen in Frank­reich. Des­halb wer­den sich Eu­ro­pa und Deutsch­land nicht er­pres­sen las­sen, und wir wer­den nicht die über­zo­ge­nen Wahl­ver­spre­chen einer zum Teil kom­mu­nis­ti­schen Re­gie­rung durch die deut­schen Ar­beit­neh­mer und ihre Fa­mi­li­en be­zah­len las­sen.

Man könne sich dar­über em­pö­ren und an­pran­gern, die So­zi­al­de­mo­kra­ten hät­ten die Sy­ri­za-Re­gie­rung hän­gen las­sen, doch ge­hör­ten zwei dazu, so An­dre­as Wehr. Wer sich der Vor­stel­lung hin­ge­be, man könne mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten ins Ge­schäft zu kom­men, müsse sich Kri­tik ge­fal­len las­sen. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten haben die Me­mo­ran­den mit un­ter­zeich­net, zu­sam­men mit den Grü­nen diese Po­li­tik ak­zep­tiert und damit das Ur­teil über Al­exis Tsi­pras und seine Re­gie­rung ge­spro­chen.

Grie­chen­land war durch die Auf­ga­be der ei­ge­nen Wäh­rung ab­so­lut ab­hän­gig von der EU, was man nicht aus­glei­chen könne, indem man in Mos­kau und Pe­king um einen Kre­dit bit­tet, so der Re­fe­rent. Die­ser würde nichts daran än­dern, daß man keine Ab­wer­tung der ei­ge­nen Wäh­rung vor­neh­men kann, weil man keine mehr hat. Die rus­si­sche Re­gie­rung habe nichts zu ver­schen­ken und prag­ma­tisch ge­for­dert, Tsi­pras solle zu­erst ein­mal nein zu den Sank­tio­nen sagen. Grie­chen­land ist Mit­glied der NATO und trägt die Sank­tio­nen gegen Ruß­land mit, Mit­glied der Eu­ro­zo­ne und hat sich die Pro­ble­me selbst auf den Hals ge­holt. Warum soll­te Mos­kau hel­fen, ob­gleich Tsi­pras den Rus­sen im Ge­gen­zug nicht hel­fen konn­te und woll­te? Die Chi­ne­sen däch­ten noch mehr an sich als alle an­de­ren, was man ihnen auch nicht ver­den­ken könne. Sie woll­ten den Hafen in Pi­rä­us und haben dafür kei­nen Freund­schafts­preis ge­zahlt. Oh­ne­hin sei bei die­sen Ge­sprä­chen kaum ernst­haft ver­han­delt wor­den, sie dien­ten wohl eher dem Zweck, die Linke in der ei­ge­nen Par­tei ru­hig­zu­stel­len.

Sy­ri­za schafft sich als Hemm­schuh der Aus­te­ri­täts­po­li­tik ab Sy­ri­za hatte nie einen Plan B in petto, und nach ihrem Wil­len soll­te es auch kei­nen geben: Ein Aus­tritt aus dem Euro war kein Thema. Auf Grund­la­ge des Wahl­er­geb­nis­ses vom Ja­nu­ar 2015 gab es kein Man­dat, Grie­chen­land aus dem Euro zu füh­ren. Sy­ri­za hat aber auch nicht das ge­rings­te un­ter­nom­men um die Be­völ­ke­rung über die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen auf­zu­klä­ren, in­ner­halb der Eu­ro­zo­ne Kri­tik zu üben.

Das "Nein" des Re­fe­ren­dums vom 5. Juli 2015 schien eine klare Linie der Ab­gren­zung von jeg­li­chen frucht­lo­sen Ver­hand­lun­gen zu zie­hen. Hat­ten Tsi­pras und Va­rou­fa­kis das Volk be­fragt, um Rü­cken­wind für einen ent­schie­de­nen Wi­der­stand gegen die Grau­sam­kei­ten zu be­kom­men, die ihnen dik­tiert wur­den? Daß dem nicht so war, mut­maß­te die FAZ be­reits im April 2015 mit Blick auf Äu­ße­run­gen der Athe­ner Re­gie­rung über ein mög­li­ches Re­fe­ren­dum: Zu einem Re­fe­ren­dum, so der Mi­nis­ter­prä­si­dent, werde es nur dann kom­men, wenn die zu tref­fen­de Ver­ein­ba­rung über die künf­ti­ge Fi­nan­zie­rung Grie­chen­lands die roten Li­ni­en miß­ach­tet, die das grie­chi­sche Volk bei der Par­la­ments­wahl am 25. Ja­nu­ar ge­zo­gen habe. Ge­stärkt durch eine er­folg­rei­che Volks­ab­stim­mung könn­te Tsi­pras sich nach dem un­aus­weich­li­chen Bruch eines gro­ßen Teils sei­ner Wahl­ver­spre­chen bes­ser für den Kampf gegen die wach­sen­de Un­zu­frie­den­heit in den ei­ge­nen Rei­hen wapp­nen.

Die FAZ hatte den Bra­ten ge­ro­chen und legte in einem Kom­men­tar nach: Im In­nern ist Tsi­pras' Spiel­raum un­ver­än­dert klein. Seine un­rea­lis­ti­schen Wahl­ver­spre­chen und die roten Li­ni­en der Re­gie­rung fes­seln ihn wei­ter. Einen Aus­weg soll ihm die Dro­hung mit einem Re­fe­ren­dum ver­schaf­fen. Denn mit jedem Zu­ge­ständ­nis müßte er ein Wahl­ver­spre­chen bre­chen. Ein Re­fe­ren­dum würde wei­te­re wert­vol­le Zeit ver­schlin­gen, aber den Kurs­wech­sel le­gi­ti­mie­ren, ohne daß dafür Neu­wah­len ab­ge­hal­ten wer­den müß­ten.

Tsi­pras hätte das Er­geb­nis des Re­fe­ren­dums als Votum für die Sou­ve­rä­ni­tät aus­le­gen kön­nen, aber das woll­te er nicht. Das "Nein" wurde als "Ja" zu den Plä­nen der Re­gie­rung aus­ge­legt, ob­gleich diese weit von dem ent­fernt waren, was sie noch im Ja­nu­ar er­klärt hatte. Der ei­gen­tüm­li­che Dop­pel­cha­rak­ter des Re­fe­ren­dums war einer der maß­geb­li­chen Wen­de­punk­te, an denen Tsi­pras einen neuen Kurs an­leg­te. Noch in der Nacht wurde Va­rou­fa­kis ent­las­sen, der in der vor­ders­ten Reihe ge­stan­den hatte. Am fol­gen­den Tag lud Tsi­pras die Par­tei­füh­rer der Op­po­si­ti­on mit Aus­nah­me der KKE ein, um ein ge­mein­sa­mes Pa­pier zu for­mu­lie­ren, das dann nach Brüs­sel ge­schickt wurde. Am 12. Juli lie­ßen sich Ber­lin und Brüs­sel von die­sen For­de­run­gen nicht be­ein­dru­cken, und seit­dem war Sy­ri­za als grund­le­gen­de op­po­si­tio­nel­le Kraft gegen die Aus­te­ri­täts­po­li­tik ver­schwun­den. In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli mußte Tsi­pras mehr Auf­la­gen hin­neh­men, als die na­tio­na­le Ein­heit zuvor auf den Weg ge­bracht hatte.

Es kam zu einem Putsch in Sy­ri­za mit dem Aus­tritt wich­ti­ger Mi­nis­ter und Kader, die die Par­tei unter dem Bei­fall der EU-Kom­mis­si­on und der bür­ger­li­chen Me­di­en in Deutsch­land ver­lie­ßen: End­lich seien die Blo­ckie­rer ver­schwun­den. Mit der Volks­ein­heit wurde eine neue Par­tei ge­grün­det, die bei den Wah­len am 20. Sep­tem­ber je­doch den Ein­zug ins Par­la­ment ver­fehl­te. Die­ser Ader­laß an Ka­dern und Mit­glie­dern hat die Par­tei bis heute ge­schwächt. Die Neu­aus­rich­tung der klei­nen Grup­pe um Tsi­pras und die Aus­ru­fung von Neu­wah­len fand be­mer­kens­wer­ter­wei­se ohne Par­tei­tag statt. Der Par­tei­tag im Herbst 2016 war der erste seit der Macht­über­nah­me 2015. Trotz des Schei­terns des ur­sprüng­li­chen Pro­gramms, mit dem man die Wah­len ge­won­nen hatte, und der For­mu­lie­rung eines im Grun­de dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­ten Pro­gramms wurde die Par­tei­ba­sis nicht be­fragt. Es gab zwar eine Be­we­gung, einen Par­tei­tag ein­zu­be­ru­fen, und eine Mehr­heit dafür im Zen­tral­ko­mi­tee, die je­doch über­gan­gen wur­den. Das führt zur Frage nach dem Cha­rak­ter sol­cher links­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en, die im Falle Sy­ri­zas wie au­to­ri­tä­re Ver­an­stal­tun­gen mit einem cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer an­mu­ten. Sind es nicht Schaum­ge­bil­de, die einen Auf­stieg und Ab­stieg er­le­ben, aber keine De­mo­kra­tie in­ner­halb der Par­tei prak­ti­zie­ren?, fragt der Re­fe­rent.

Mit Blick auf die weit­hin fa­vo­ri­sier­te These, Tsi­pras' Hand­lungs­wei­se sei al­ter­na­tiv­los ge­we­sen, gibt Wehr zu be­den­ken, daß der Öko­nom Costas La­pa­vits­as be­reits 2012 ge­sagt habe, die Zu­kunft Grie­chen­lands liege au­ßer­halb der Eu­ro-Zo­ne. Wenn­gleich das ein schwie­ri­ger und mit er­heb­li­chen Här­ten ver­bun­de­ner Schritt sei, führe er doch aus der nicht min­der ent­beh­rungs­rei­chen, aber aus­weg­lo­sen Zwangs­la­ge des Eu­ro-Re­gimes her­aus. La­pa­vits­as, der zeit­wei­se Ab­ge­ord­ne­ter Sy­ri­z­as war und heute als Pro­fes­sor an einer Lon­do­ner Uni­ver­si­tät lehrt, stand mit die­ser Auf­fas­sung je­doch al­lein.

So­zia­le Be­we­gung an­ge­führt, ka­na­li­siert, neu­tra­li­siert

aus: Schattenblick, BERICHT/066: 21. Linke Literaturmesse - basiseuropäisch ... (SB)
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