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Der Aufstieg der Linkspopulären (1)

Andreas Wehr

In der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw) schrieb Peter Reif-Spirek über die Bedeutung des Populismus: „Die sehr unterschiedlichen Bewegungen von Bernie Sanders in den USA, des Linkspopulismus von Podemos, der Erneuerung von Labour und des neuen französischen Zentrumsblocks ‚La Republique en marche‘ weisen eine Gemeinsamkeit auf, die sie von der deutschen Sozialdemokratie massiv unterscheiden. Sie haben auf unterschiedliche Art und Weise das demokratische Potential ihrer Gesellschaften wachgeküsst, das von den jeweiligen Parteieliten von Clinton bis Hollande ignoriert und nicht mobilisiert werden konnte. Damit haben sie das ehrenamtliche und anti-elitäre Moment der Politik wieder stark gemacht. Nur durch eine solche demokratische Selbstermächtigung von unten jenseits der Elitenkartelle lässt sich übrigens auch der autoritären Revolte von rechts begegnen. Der sozialdemokratische deutsche Michel scheint die Erneuerungssignale allerdings nicht wahrzunehmen.“ (2)

Nun kann man sicherlich nicht „La Republique en marche“ des Emmanuel Macron als eine Bewegung bezeichnen, die „das demokratische Potential ihrer Gesellschaften wachgeküsst“ hat. Eher ist das Gegenteil der Fall: Aus Teilen der Sozialistischen Partei, der konservativen Republikaner und des liberalen Zentrums wurde mit Hilfe von viel Geld der Banken und Konzerne von oben herab eine synthetische Organisation geschaffen, die das demokratische, das gegen die Eliten revoltierende Potential domestizieren, neutralisieren und damit unwirksam machen soll. „La Republique en marche“ ist daher genau das Gegenteil einer anti-elitären Bewegung. Sehr viel angebrachter wäre es gewesen, hätte der Autor die Bewegung La France insoumise, das widerständige Frankreich, des linken Politikers Jean-Luc Mélenchon genannt. Sie ist es, die in Frankreich das demokratische Potential mobilisiert.

Mir kommt es hier aber auf etwas anderes an. Reif-Spirek spricht davon, dass diese Bewegungen „auf unterschiedliche Art und Weise das demokratische Potential ihrer Gesellschaften wachgeküsst“ haben. Dieses Bild beschreibt die Situation recht gut.

Was ist dran am Vorwurf des Populismus?

Ich scheue mich hier, den Begriff des Populismus zu verwenden, ist er doch ein Kampfbegriff, der von den alten politischen Kräften gegen jene neuen Konkurrenten in Stellung gebracht wird, deren angestammte Privilegien und Pfründe er bedroht. Ingar Solty und Alban Werner haben darauf hingewiesen, dass der Begriff Populismus stets als „abwertende Zuschreibung“ als „Fremdzuschreibung seitens der herrschenden Eliten“ (3) benutzt wird.

Der Vorwurf des Populismus ist ein Verdikt, das nach dem französischen Soziologen und Schriftsteller Didier Eribon jene „reflexartig“ anwenden, „die glauben, ihre Definitionshoheit über die legitime Politik durch den Vorwurf des ‚Populismus‘ sichern zu können, den sie jeder abweichenden Meinung entgegenschleudern; dieser Vorwurf bezeugt nichts anderes als ihr klassenbedingtes Unverständnis für die ‚Irrationalität‘ eines Volkes, das sich ihrer ‚Vernunft‘ und ‚Weisheit‘ nicht fügen will.“ (4)

Auch linke Positionen werden unter die Anklage des Populismusvorwurfs, in diesem Fall des Linkspopulismus, gestellt. So ergeht es etwa „La France insoumise“ in Frankreich. In Deutschland sind davon Politiker der Partei DIE LINKE wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine betroffen. Auch die Tageszeitung Junge Welt benutzt den Populismusvorwurf als abwertenden Begriff gegenüber allen, die den „Unmut der Bevölkerung geschickt für die eigenen Zwecke nutzen wollen“ (5).

Angebrachter scheint es mir daher zu sein, statt von Linkspopulismus von „linkspopulären“ Bewegungen zu sprechen. Ich folge dabei dem Politikwissenschaftler Andreas Nölke, der diesen Begriff in seinem Buch Linkspopulär – vorwärts handeln statt rückwärts denken (6) verwendet. 

Die neuen Linkspopulären

Linkspopuläre Bewegungen sind vor allem in Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden und Belgien erfolgreich.

So wurde die traditionelle Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) inzwischen von „La France insoumise“ überholt. In der im Juni 2017 gewählten Nationalversammlung ist Mélenchon und nicht mehr ein Politiker der KPF Führer der linken Opposition. Den Kommunisten gelang es gerade noch so eben, eine Fraktion zu bilden. In Spanien marginalisierte die Bewegung Podemos (Wir können) das vor allem von den Kommunisten getragene Parteienbündnis Izquierda Unida (Vereinte Linke) und macht inzwischen der sozialdemokratischen PSOE den zweiten Platz im Parteienspektrum streitig.

In Italien ist es die weder eindeutig als rechts noch als links einzuordnende Bewegung „Movimento Cinque Stelle“ (M5S, Fünf-Sterne-Bewegung), die auch das traditionell linke Protestpotential an sich zieht. Sie hat die aus der Konkursmasse der Italienischen Kommunistischen Partei hervorgegangene Refondazione Comunista (Kommunistische Wiedergründung) nahezu verschwinden lassen. Das Bündnis Potere al Popolo (Die Macht dem Volke), unter dessen Dach Refondazione Comunista bei den Wahlen im März 2018 antrat, erreichte gerade einmal 1,13 Prozent der Stimmen und blieb damit weit unter der 3-Prozent-Sperrklausel, die für den Einzug in das italienische Parlament gilt. Die Fünf-Sterne-Bewegung wurde dagegen mit mehr als 33 Prozent stärkste Partei in der Abgeordnetenkammer.

In den Niederlanden und in Belgien entstanden aus kleinen maoistischen Gruppen starke Mitgliederparteien, die die Sozialdemokraten inzwischen hart bedrängen. Beide nahmen den Platz kommunistischer Parteien ein, die nach der Wende 1989 bis 1991 verschwanden. Die niederländische Sozialistische Partei hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass das Ergebnis der dortigen Sozialdemokraten bei den letzten Wahlen einstellig wurde. Der belgischen Partei der Arbeit scheint es zu gelingen, zumindest im wallonischen Teil des Landes, die Sozialdemokraten zu überholen.   

Dramatisch ist der Absturz der europäischen Linkspartei Syriza in Griechenland. Nach der Kapitulation des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras vor den Forderungen der europäischen Gläubiger im Juli 2015 haben viele Mitglieder die Partei verlassen. Aus den Reihen der Ausgetretenen bildete sich die neue Partei Laiki Enotida (Volkseinheit).

Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2014 war Alexis Tsipras noch der Spitzenkandidat der Europäischen Linken (EL) gewesen. Und im Januar 2015 wurde der Wahlsieg von Syriza als Durchbruch nach links gefeiert. Davon ist nichts mehr übriggeblieben. Als Regierungspartei wendet sich Syriza immer offener und immer härter gegen die berechtigten Proteste der von Sozialkürzung und Entrechtung betroffenen Bevölkerung. Ihr Vorgehen unterscheidet sich kaum noch von dem einer bürgerlichen Partei. Dies war denn auch Anlass für Jean-Luc Mélenchon, den Ausschluss von Syriza aus der EL zu fordern.

Die Defizite der europäischen Linksparteien 

Der Aufstieg der Linkspopulären kann nur verstanden werden, wenn man in ihm die Antwort auf die Krise der traditionellen Linksparteien sieht, die sich 2004 in der EL zusammengeschlossen haben. Diese Parteien füllten nach der Wende 1989 bis 1991 die Lücke aus, die sich durch das nahezu vollständige Verschwinden traditioneller kommunistischer Parteien aufgetan hatte. Dies entsprach seinerzeit den Erfordernissen einer bestimmten historischen Situation. Bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen haben diese Linksparteien doch grundlegende gemeinsame Merkmale:

1. Sie alle bejahen die Europäische Union. Ihre Reform soll innerhalb des vorgegebenen Rahmens erfolgen. Auf diese Weise soll sie zu einer sozialen, demokratischen und ökologischen Union werden. Die Vorstellungen von einer solchen besseren EU unterscheiden sich aber nur in Nuancen von denen der linken Sozialdemokratie beziehungsweise der Grünen. Da man an die Reformierbarkeit der Union glaubt, wird der Brexit, der Austritt Großbritanniens aus der EU, von den Europäischen Linksparteien (EL) als Rückschritt angesehen. Sie unterstützen mit der EU so aber ein klassisches Elitenprojekt, das wie kein zweites die Entrechtung und Wehrlosmachung breiter Volksschichten vorantreibt. Sie werden daher zu Recht als Bestandteil der globalisierungsbejahenden Eliten wahrgenommen.

2. Die Bedeutung der Nation als entscheidende Handlungsebene linker Politik wird von den EL-Parteien geleugnet. An die Stelle ihrer Verteidigung als Raum für die Sicherung sozialstaatlicher Bindungen ist eine kosmopolitisch-identitäre Haltung getreten. „No Border – No Nation“ heißt daher häufig die Parole der Europäischen Linken.

3. Die europäischen Linksparteien sind in ihrer Organisationsform multifraktionell, wie es sich vor allem Syriza immer noch rühmt zu sein. Verschiedenste Strömungen, ja nicht selten ganze Parteien, existieren unter ihren Dächern. Syriza, obwohl formal eine Partei, trägt deshalb auch den Namen „Koalition der radikalen Linken“. Bis zu ihrem Auseinanderbrechen im Sommer 2015 vereinigte diese „Koalition“ unterschiedlichste Strömungen, von Sozialdemokraten bis hin zu Maoisten.

Die Partei DIE LINKE beherbergt allein 26 bundesweite Arbeitsgemeinschaften, die meist über eigene Strukturen wie Vorstände, Delegierte, Bundestreffen sowie Informationsdienste verfügen. Hinzu kommen zwei in ihr wie eigenständige Parteien agierende trotzkistische Gruppierungen: Das Netzwerk Marx 21 und die Sozialistische Alternative Voran (SAV). Eine in der europäischen Linken häufig erhobene Forderung ist denn auch die nach einer breiten, gesellschaftlichen Mosaik-Linken.

4. Die europäischen Linksparteien verstehen sich als Bewegungsparteien. Eine weitgehend kritiklose Orientierung auf gesellschaftliche Bewegungen der sogenannten Zivilgesellschaft wird in der EL vor allem von der italienischen Refondazione Comunista propagiert. Ihr früherer Vorsitzender Fausto Bertinotti sah bereits 2002 die eigene Partei nur noch als „Bewegung der Bewegungen“ an und begann sie in diesem Sinne zu demontieren.

5. Ein theoretisches Zentrum, eine für alle Mitglieder programmatisch festgelegte verbindliche Weltanschauung, existiert in den EL-Parteien nirgendwo. Dort, wo einstmals der Marxismus-Leninismus eine solche Weltanschauung darstellte, befindet sich heute eine Leerstelle. Als politische Zielstellung wird zwar weiterhin der Sozialismus genannt, er ist aber nur noch ein abstrakter Wert, vergleichbar mit dem ethischen oder demokratischen Sozialismus der Sozialdemokratie.

6. Der bürgerliche Staat wird von den europäischen Linksparteien als weitgehend klassenneutral angesehen. Entscheidende gesellschaftliche Veränderungen werden dementsprechend allein von parlamentarischen Mehrheiten erwartet. Slogans wie „Für einen Politikwechsel“ beziehungsweise „Für einen Richtungswechsel“ (7) sind Ausdruck dieser illusionären Hoffnung. Die selbst verordnete Beschränkung auf das Parlament ist Grundlage für die von den europäischen Linksparteien überall angestrebten Regierungsbündnisse mit Sozialdemokraten und Grünen.

Die Antworten der linkspopulären Bewegungen

Im Unterschied zu diesen Parteien geben La France insoumise, Podemos, Movimento Cinque Stelle, die Sozialistische Partei der Niederlande, die belgische Partei der Arbeit und die griechische Laiki Enotida andere, neue Antworten:

1. Die EU wird von ihnen entschieden abgelehnt. In vielen programmatischen Erklärungen dieser Bewegungen und Parteien finden sich daher Überlegungen über die Notwendigkeit des Verlassens der Eurozone beziehungsweise der EU. Diese Haltung ist alles andere als überraschend, sind doch Entstehung und Entwicklung dieser Bewegungen vor allem das Ergebnis ihrer konkreten Erfahrungen mit der EU. So entzweite sich Mélenchon 2005 mit der Sozialistischen Partei im Streit über den europäischen Verfassungsvertrag. In den Niederlanden war es die Sozialistische Partei, die in ihrem Land die Kampagne gegen diesen Vertrag anführte. Die Entstehung von Podemos ist vor allem Ergebnis der hohen Arbeitslosigkeit und daraus folgender Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen in der Eurokrise nach 2009. Die Gründung der griechischen Volkseinheit hat wiederum ihre Ursache in der Erpressungspolitik der übrigen Euroländer, vor der die Führung von Syriza kapitulierte. Schließlich reflektiert der Aufstieg der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung auch das ökonomische Zurückfallen des Landes innerhalb der EU gegenüber den kerneuropäischen Ländern und hier insbesondere im Verhältnis zu Deutschland.

2. Die Stärkung der Nation wird von den linkspopulären Bewegungen nicht als rückwärtsgewandte oder gar reaktionäre Utopie verdammt, wie bei den europäischen Linksparteien üblich. Der Nationalstaat wird vielmehr als Schutzraum für die Deklassierten, Unterprivilegierten angesehen. Man hat dort erkannt, dass Etablierung und Erhalt des Sozialstaats nur im nationalen Rahmen möglich sind. Die staatlichen Grenzen werden von ihnen nicht unter der Parole „No Border – No Nation“ als obsolet bezeichnet. Bei La France insoumise, auf Deutsch „unbeugsames Frankreich“, kommt diese Unbefangenheit gegenüber der Nation bereits im Namen zum Ausdruck.

3. Die gegenwärtige Sozialdemokratie wird von den Linkspopulären als das angesehen, was sie ist: Eine politische Kraft, die die zentralen Botschaften des Neoliberalismus akzeptiert und verinnerlicht hat. Sie wird daher als Kraft des herrschenden Establishments kritisiert. Anders als die Linksparteien setzen die Linkspopulären nicht auf Bündnisse mit Sozialdemokraten, sondern versuchen sie zu ersetzen. In Frankreich, den Niederlanden und Italien ist das bereits gelungen. In Spanien konnte Podemos mit den Sozialisten gleichziehen.

4. Überall werden grundlegende Reformen des Staatsaufbaus eingefordert. Die vorhandenen Verfassungsordnungen werden dafür in Frage gestellt. Für Frankreich fordert La France insoumise eine neue sechste Republik, mit der das ungerechte Wahlsystem beseitigt, die Machtstellung des Staatspräsidenten beschnitten und die Rolle des Parlaments aufgewertet werden soll. In Italien ist es die Fünf-Sterne-Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, der systemischen Korruption und Klientelwirtschaft des Landes – und hier vor allem im Süden – mit Hilfe institutioneller Reformen ein Ende zu bereiten.

5. Die organisierte Unverbindlichkeit der innerparteilichen Mosaik-Linken hat in diesen Bewegungen keinen Platz. Dafür sorgen schon die starken Persönlichkeiten, die sie gegründet haben und weiterhin prägen. Etwa Jean-Luc Mélenchon bei La France insoumise, Pablo Iglesias bei Podemos und Beppo Grillo bei Cinque Stelle.

Die Perspektiven der Linkspopulären

Noch befindet sich vieles bei den neuen Bewegungen und Parteien im Werden und ihr weiterer Weg ist alles andere als klar. Womöglich werden wir noch Zeugen von Prozessen des Scheiterns, von Umgruppierungen und Neugründungen dort sein. Auch lassen sich die linkspopulären Ansätze in den verschiedenen Ländern kaum miteinander vergleichen. Hinzu kommt, dass von der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung noch nicht gesagt werden kann, ob sie nun mehr rechts oder mehr links zu verorten ist. Die griechische Volkseinheit wiederum agiert noch außerhalb des Parlaments und hat daher ihre Bewährungsprobe noch vor sich.

In Deutschland sind die woanders bereits getrennt marschierenden Bewegungen und Parteien bis auf weiteres unter dem Dach der Partei DIE LINKE vereint. Da die Linkspartei aber als etablierte Regierungspartei von vielen Wählern nur noch als ununterscheidbarer Teil des politischen Establishments wahrgenommen werden kann, existiert in Deutschland eine „linkspopuläre Lücke“ (8). Sie könnte jetzt durch die von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine angeregte Sammlungsbewegung geschlossen werden.

Es ist nicht ausgemacht, ob es sich bei den neuen Bewegungen und Parteien nur um vorübergehende Erscheinungen handelt, deren historische Funktion am Ende die des „Wachküssens des demokratischen Potentials ihrer Gesellschaften“, hier konkret die Reform der traditionellen europäischen Linksparteien, ist, oder ob sie etwas dauerhaft Neues darstellen. Indem sich ihre Antworten in wichtigen strategischen Fragen deutlich von denen der traditionellen Linksparteien unterscheiden, etwa bei der Beurteilung der EU, der Einschätzung der Nation, des Verhältnisses zu den Sozialdemokraten und hinsichtlich des inneren Parteiaufbaus, setzen sie die alten Linksparteien unter Veränderungsdruck (9). Die Linkspopulären sorgen für neue Radikalität und eine schon lange nicht mehr zu spürende antikapitalistische Militanz. Und nur mit diesen Eigenschaften lassen sich die rechten beziehungsweise rechtsradikalen Parteien stoppen.

Es wird nicht zu Unrecht eingewendet, dass es zur Überwindung des Kapitalismus eigentlich einer Partei der Arbeiterklasse bedarf, die nach Antonio Gramsci als „kollektiver Intellektueller“ fungiert. Nötig sei „das Vorhandensein und die Aktivität der Partei als Moment der bewussten Führung eines komplizierten, zuweilen schwierigen Prozesses, dessen Träger die großen werktätigen Massen sind“ (10). Doch für eine solche Partei fehlt es in Deutschland an jeder Grundlage. Und daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Anstatt also auf eine solche Klassenpartei zu warten, sollte heute verstanden werden, dass die neuen Linkspopulären einen historischen Fortschritt gegenüber den alten Linksparteien bedeuten. Zwar halten letztere weiterhin an vertrauten Symbolen und Riten der verschwundenen Arbeiterbewegung fest, wie etwa an der roten Parteifarbe oder am demokratischen Sozialismus, auch nennen sich einige von ihnen weiterhin Kommunisten, auf deren Parteitagen immer noch die Internationale gesungen wird, doch sind sie alle längst kosmopolitisch ausgerichtete Parteien geworden, getragen von den neuen urbanen Mittelschichten. Die französischen Kommunisten sind nicht mehr als brave Sozialdemokraten, und die Partei DIE LINKE ähnelt „sozialstrukturell den Grünen in ihrer Gründungsphase“ (11). Es ist daher an der Zeit, mit den Linkspopulären einen Schritt nach vorn zu machen, und sei es auch nur ein Zwischenschritt!

 

(1)   Der Artikel beruht auf dem Vortrag des Autors mit dem Titel „Syriza – das traurige Schicksal einer linken Bewegungspartei“ in einem Seminar des Marx-Engels-Zentrums Berlin am 07.04.2018.

(2)   Peter Reif Spirek, Die andere Republik – Notizen nach einer vorhersehbaren Niederlage, in: Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft – spw, Heft 222, Ausgabe 5 – 2017, S. 13

(3)   Ingar Solty und Alban Werner, Der indiskrete Charme des Linkspopulismus, in: Das Argument 316/2016, S. 278

(4)   Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin, 2016, S. 131

(5)   Niklas Sandschnee (alias Daniel Bratanovic), Rotlicht: Linkspopulismus, in: Junge Welt vom 04.04.2018

(6)   Andreas Nölke, Linkspopulär. Vorwärts handeln statt rückwärts denken, Frankfurt/M., 2017

(7)   Programm der Partei DIE LINKE, Berlin, 2012, S. 72

(8)   Andreas Nölke, a. a. O., S. 75

(9)   Vgl. hierzu Andreas Wehr, Klarheit vor Sammlung! Zu den Überlegungen von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht über eine neue linke Sammlungsbewegung, in: Marxistische Blätter 2_18, S. 98 ff.

(10) Palmiro Togliatti, Die marxistische Konzeption der politischen Partei der Arbeiterklasse, in: Palmiro Togliatti, Reden und Schriften, eine Auswahl, Frankfurt/M., 1967, S.196

(11)  Vgl. Andreas Wehr, DIE LINKE braucht eine neue Führung! http://www.andreas-wehr.eu/die-linke-braucht-eine-neue-fuehrung.html