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Was ist Klassenkampf?

Andreas Wehr

Rezension des Buches von Domenico Losurdo,Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? PapyRossa Verlag Köln, 2016, 424 Seiten, 24,90 Euro

Der 22. Juni 1941, der Tag des Angriffs der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion, war ein Wendepunkt auch für die Arbeiterbewegung. Die Zusammenarbeit Nazideutschlands und der Sowjetunion hatte sie zuvor gelähmt und desorientiert. Nun war mit einem Schlag alles anders. Nicht wenige Kommunisten traten in den Dienst westlicher Armeen, jene Streitkräfte, die noch gestern dem Imperialismus dienten. In der Rüstungsindustrie Großbritanniens und der USA warben sie für eine Intensivierung der Arbeit und für mehr Überstunden, sprachen sich gegen Streiks aus. Für die Arbeiterbewegung war das neu und ungewöhnlich, stellten sich doch damit Gewerkschaftsfunktionäre an die Seite der Ausbeuter. Nicht wenige sprachen von Klassenverrat. Und unter denen, die diese Zusammenarbeit billigten, herrschte Einigkeit darüber, dass im Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit nur eine Pause, eine Windstille, eingetreten sei.

In seinem Buch „Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten?“ widerspricht Domenico Losurdo dieser Sicht. Die Kriegsphase zwischen 1941 und 1945 war keineswegs eine Flaute im Klassenkampf, ganz im Gegenteil: Es handelte sich um eine höchst aktive Phase dieses Kampfes. Auf den ersten Blick mag das überraschen, doch es ist plausibel, bedeutete der Faschismus die Zerschlagung der Gewerkschaften und der politischen Organisationen der Lohnabhängigen. Um ihre Rechte wiederherzustellen, war es jetzt unausweichlich geworden, ihn mit Waffengewalt niederzuringen. Damit war der Krieg zu einer Form des Klassenkampfs geworden. Der Faschismus bedeutete zugleich eine beispiellose Rückkehr des Rassismus nach Europa. Betroffen waren vor allem die Juden sowie die Roma und Sinti. Aber auch der Kolonialismus kehrte zurück: Hitler hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er in schlimmster kolonialistischer Tradition des Westens sein Indien in Osteuropa errichten wollte. Mit Blick auf die angegriffenen und zur Kolonialisierung ausersehenen Länder heißt es bei Losurdo: „Der Kampf eines ganzen Volkes gegen seine Bestimmung, zur Versklavung verdammt zu sein, kann nicht anders denn als Klassenkampf definiert werden. Aber es handelte sich um einen Klassenkampf, der die Form eines nationalen und antikolonialen Widerstandskrieges angenommen hatte.“ (201) Betroffen von der faschistischen Willkür waren auch die Frauen. Man beraubte sie ihrer wenigen Rechte auf Gleichstellung, sie wurden aus dem Arbeitsleben gedrängt und auf den Status von Gebärmaschinen degradiert.

Erst unter Aufbietung aller Kräfte und unter ungeheuren Opfern konnte der Faschismus besiegt werden. Dabei kämpften die Völker der Sowjetunion und Sozialisten und Kommunisten der unterworfenen Länder Seite an Seite mit kapitalistischen, ja imperialistischen Staaten. Doch es war vor allem der Sozialismus, der davon am Ende profitierte. Mit dem errungenen Sieg wurde die Voraussetzung für jene Weltordnung geschaffen, die bis 1989/91 Bestand hatte und in der das sozialistische Weltsystem eine beispiellose Stärke errang. Ein Teil davon war die DDR.

Diejenigen, die in Abrede stellen, dass es sich bei diesem gigantischen Ringen um Klassenkampf gehandelt hatte, gehen von einem verkürzten Klassenkampfbegriff aus. Sie verstehen darunter nur den unmittelbaren Konflikt zwischen Kapitalisten und Arbeiter und folgen damit einem schematischen Denken, das Losurdo „binäre Lesart des Konflikts“ (128/ 341) nennt. Die Kämpfe gegen die Unterdrückung der Rassen und der Frauen würden danach nicht dazu gehören, und auch „der ausgefochtene Kampf einer Nation für eben jene politische Emanzipation wäre mithin kein Klassenkampf“. (24)

Im Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels steht der berühmt gewordene Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“. Dem entsprechend haben Marx und Engels in ihren Schriften und Handeln gezeigt, dass sie den Klassenkampf als Totalität des historischen Prozesses begriffen. So stellte das Ringen des irischen Volkes um seine Unabhängigkeit von England für sie nicht eine Angelegenheit dar, die sie nur beiläufig zur Kenntnis nahmen.

Auch für den Freiheitskampf des polnischen Volkes zeigten die beiden Klassiker ihr Leben lang große Empathie. Marx begrüßte ausdrücklich, dass sich auch Vertreter des polnischen Adels auf die Seite des für die Freiheit und gegen den russischen Zarismus kämpfenden Volkes stellten. Natürlich war es ihm nicht entgangen, dass diese Feudalherren die ihnen unterworfenen Bauern in einer besonders widerwärtigen Weise unterdrückten. Doch deren aktive Teilnahme am nationalen Kampf wog für ihn schwerer, da erst in einem eigenständigen, demokratischen Polen überhaupt die Chance bestand, den Kampf um die Bauernbefreiung aufzunehmen. Marx nahm also eine Hierarchisierung des Klassenkampfs vor, was heißt, in einer konkreten geschichtlichen Situation zu entscheiden, welches Unterdrückungsverhältnis vordringlich zu bekämpfen ist. Vergleichbares gilt für das Eintreten von Marx und Engels für die Abschaffung der Sklaverei und für den Kampf gegen das dritte „Zwangsverhältnis“, den Kampf für die Befreiung der Frau. Die Kämpfe gegen die jeweilige Unterdrückung sind aber nie Kämpfe, die in „reiner Form“ (210) auftreten Es handelt sich immer um Mischverhältnisse, in denen mal der eine, mal der andere Konflikt dominiert. In der Geschichte der Arbeiterbewegung wurde dieser Umstand häufig ignoriert: „Letztlich hat sich das Organisationsmodell der Internationale deshalb als inadäquat erwiesen, weil sie oftmals von einem Klassenkampf in seiner reinen Form ausging, der sich doch ziemlich selten so zutrug, und weil sie eine sozialistische Revolution in ebenfalls reiner Form erwartete, wie sie indes niemals eingetreten ist und auch niemals eintreten wird.“ (210)

Losurdo macht die „binäre Lesart des sozialen Konflikts“ für die „Verstümmelung des Klassenkampfes“ (128) verantwortlich. Als Beispiel für jenes Denken zitiert er jene Passage im Kommunistischen Manifests, in der vorhergesagt wird, dass es bald nur noch zwei Klassen geben werde: „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ Nach Losurdo entspricht das nicht der geschichtlichen Wirklichkeit: „In Wahrheit war (die sozialistische Bewegung, A.W.) allen drei Fronten des emanzipatorischen Klassenkampfs gleichzeitig zugewandt“. (95) Zu dem „realen Humanismus“, der dem „kategorischen Imperativ“ verpflichtet bleibt, gehört auch, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, wie es gleichfalls im Kommunistischen Manifest heißt. Der Widerspruch zwischen den beiden Sichtweisen im Ausgangsdokument des modernen Sozialismus, wird sichtbar. Losurdos Schlussfolgerung für einen künftigen revolutionären Prozess lautet: „So getreulich und erbarmungslos sie auch sein mag, die Beschreibung der bestehenden Gesellschaft wird niemals für sich allein zur revolutionären Tat mit dem Ziel ihres Umsturzes stimulieren, sofern nicht eine moralische Verurteilung hinzukommt.“ (107) Was heißt, dass es nicht ausreicht, den Kapitalismus immer wieder nur als gescheitertes ökonomisches System zu beschreiben und deshalb zu seiner Überwindung aufzurufen. Ohne eine tiefe moralische Krise der gesamten Gesellschaft wird es eine grundlegende Veränderung nicht geben. Deutschland erlebte 1918 und 1945 solche Krisen.

Für den Autor ist es höchste Zeit, aus dem Ausbleiben einer "reinen" Arbeiterrevolution Konsequenzen zu ziehen und die Klassenkampftheorie weiterzuentwickeln. Waren die unter dem Banner des Sozialismus erfolgreichen Revolutionen doch nur deshalb siegreich, weil sie ihre Dynamiken erst aus dem Kampf gegen nationale Unterdrückungen erhielten. So war es in China, Albanien, Jugoslawien, Korea, Vietnam und in Kuba. Und so ist es heute bei den revolutionären Prozessen in Lateinamerika, in Venezuela, Bolivien, Ecuador und Nicaragua. Im Mittelpunkt steht dort regelmäßig der Kampf gegen nationale Bevormundung, ausgeübt vor allem durch die USA. „Patria o Muerte“, Vaterland oder Tod, lautete denn auch der Schlachtruf der kubanischen Revolutionäre.

Aber auch die Oktoberrevolution kann nach Losurdo nur verstanden werden, berücksichtigt man, dass ihr im Sommer 1917 unmittelbar eine Phase vorausging, in der die bereits geschlagene russische Armee und damit das gesamte Land auf Befehl des Chefs der russischen Übergangsregierung Alexander Kerenski den Interessen Großbritanniens und Frankreichs im Weltkrieg geopfert werden sollte. Der Rote Oktober vereitelte das und befreite Russland aus der Abhängigkeit des westlichen Imperialismus.

In seinem Beharren auf einem erweiterten Klassenkampfbegriff sieht sich Losurdo in Übereinstimmung mit Lenin und hier vor allem mit dessen Aussagen in der Schrift Was tun? Für den russischen Revolutionär galt: „Die Aneignung von Klassenbewusstsein und die Teilnahme am revolutionären Klassenkampf hat das Verständnis der gesellschaftlichen Totalität in all ihren Aspekten zur Voraussetzung.“ (174) Und der Autor bezieht sich auf Antonio Gramsci, der verlangt hatte, dass die Arbeiter „als Angehörige einer Klasse denken, die sich anschickt, die Bauern und die Intellektuellen zu führen, einer Klasse, die nur dann siegen und den Sozialismus aufbauen kann, wenn ihr die große Mehrheit dieser gesellschaftlichen Schichten hilft und ihr folgt. Gelingt ihr das nicht, wird das Proletariat nicht zur führenden Klasse.“ (264)

Der Begriff „Klassenkampf“ ist heute längst zum Fetisch geworden. Würde man unter Linken eine Umfrage durchführen, was sie darunter verstehen, so würde man hören, dass er sich in Streiks, Aussperrungen, Demonstrationen und Betriebsbesetzungen manifestiert, nicht aber im gleichzeitigen Kampf gegen die „drei Diskriminierungen“. Am radikalsten findet sich dieses auf die binäre Sichtweise „Klasse gegen Klasse“ reduzierte Denken heute in trotzkistischen Gruppen bzw. in Teilen der traditionellen kommunistischen Bewegung, repräsentiert etwa durch die Kommunistische Partei Griechenlands.

Mit seinem Buch verfolgt Domenico Losurdos das Ziel, den Klassenkampfbegriff zu rekonstruieren und ihn wieder in das Zentrum sozialistischer Strategie zu rücken bzw. ihn dorthin zurückkehren zu lassen. Deshalb lautet der vollständige Buchtitel ja auch Der Klassenkampf oder die Rückkehr des Verdrängten? Das gelingt ihm, in dem er die ganze Breite der marxistischen Theorie aufzeigt, die neben den klassischen ökonomischen Texten auch die vielfältigen politischen Interventionen von Marx und Engels umfasst. Es ist der ganze Marxismus, der hier dem Leser präsentiert wird.

Es ist nicht leicht, in einer gegebenen historischen Situation den jeweiligen Spielraum für einen erfolgreichen Klassenkampf zu erkennen. Der erreichbare Fortschritt ist zudem oft nur marginal und fast immer mit Kompromissen verbunden. So wird heute etwa das demokratisierende Element in den internationalen Beziehungen vor allem von Russland und China repräsentiert. Um dies aber erkennen und würdigen zu können, bedarf es jener „Hierarchisierung der Klassenkämpfe“. Dazu müssen Proteste gegen rückschrittliche Elemente im politischen Leben dieser beiden Mächte - in Russland etwa die Herrschaft der Oligarchen und die dominante Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche, in China, die weiterhin krasse soziale Ungleichheit sowie rechtsstaatliche Mängel - zurückstehen. Um den Fortschritt dennoch erkennen zu können, bedarf es eines Denkens in den dialektischen Kategorien Hegels. Dies leistet das so aktuelle wie unentbehrliche Werk Domenico Losurdos überzeugend.

Aus: Marxistische Blätter 2_17