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Die Lehre vom Klassenkampf

Andreas Wehr

Rezension des Buches Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? von Domenico Losurdo[i]

Der 22. Juni 1941, der Tag des Angriffs der faschistischen deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten auf die Sowjetunion, war ein Wendepunkt auch für die internationale Arbeiterbewegung. Die Zusammenarbeit Nazideutschlands und der Sowjetunion hatte sie gelähmt und desorientiert. Nun war mit einem Schlag alles anders. Jetzt war die aufs Höchste gefährdete Sowjetunion mit allen Mitteln zu verteidigen. Großbritannien musste für ein Bündnis mit der UdSSR und die USA für einen Kriegseintritt gewonnen werden.

Nicht wenige Kommunisten traten in den Dienst westlicher Armeen, jene Streitkräfte, die noch gestern dem Imperialismus dienten. In der Rüstungsindustrie Großbritanniens und der USA warben sie für eine Intensivierung der Arbeit und für mehr Überstunden. Sie sprachen sich dort gegen Streiks aus. Für die Arbeiterbewegung war das neu und ungewöhnlich, denn Gewerkschaftsfunktionäre stellten sich dafür an die Seite der kapitalistischen Ausbeuter. Nicht wenige sprachen angesichts dieser Umstände von Klassenverrat. Und unter denen, die diese Zusammenarbeit billigten, herrschte Einigkeit darüber, dass im Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit nur eine Pause, eine Windstille eingetreten sei.

In seinem Buch „Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten?“ widerspricht Domenico Losurdo dieser Sichtweise. Die Kriegsphase zwischen 1941 und 1945 stelle keineswegs eine Flaute im Klassenkampf dar, ganz im Gegenteil: Es handelte sich um eine höchst aktive Phase dieses Kampfes. Auf den ersten Blick mag diese Sicht überraschen, doch sie ist plausibel. Die Errichtung des Faschismus in Europa, die 1933 in der Machtergreifung Hitlers gipfelte, bedeutete die Zerschlagung der Gewerkschaften und politischen Organisationen der Lohnabhängigen. Entrechtet und dem Diktat der Kapitalisten ausgeliefert, wurden sie auf das Niveau von Arbeitssklaven gedrückt, Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerungen und jeglicher betrieblicher Willkür unterworfen. Um die zuvor in Jahrzehnten des Klassenkampfes erkämpften Rechte wiederherzustellen, war es daher unausweichlich geworden, den Faschismus mit Waffengewalt niederzuringen. Damit war der Krieg zu einer Form des Klassenkampfs geworden.

Der Faschismus bedeutete zugleich eine beispiellose Rückkehr des Rassismus nach Europa. Betroffen davon waren vor allem die Juden sowie die Roma und Sinti. Sie wurden rücksichtslos verfolgt und ermordet. Diskriminiert und verfolgt wurden aber auch die zu „Untermenschen“ erklärten slawischen Völker, vor allem die der Sowjetunion. Hitler hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er in schlimmster kolonialistischer Tradition des Westens sein Indien in Osteuropa errichten wolle. Den Menschen dort war dabei der Status von Arbeitssklaven zugedacht. Die Unabhängigkeit zuvor selbständiger Staaten wurde dafür beseitigt, sie wurden aufgeteilt und zerstückelt, ihre Grenzen willkürlich neu gezogen. Riesige Gebiete Osteuropas wurden als Protektorate dem Dritten Reich direkt unterstellt. Der Kampf gegen diesen Kolonialismus, der in Asien unter der Flagge Japans stand, wurde Teil des weltweiten antifaschistischen Kampfs.

Losurdo zitiert Georgi Dimitroff: „Der Faschismus (des Dritten Reiches und des Reichs der aufgehenden Sonne) beabsichtigte die ῾Versklavung der schwachen Völker῾, den ῾imperialistischen Raubkrieg῾ gegen die Sowjetunion, ῾China zu versklaven und aufzuteilen῾.“ (200) Damit wäre nicht weniger als der im US-amerikanischen Bürgerkrieg errungene weltweite Sieg über die Sklaverei rückgängig gemacht worden. Und Mit Blick auf die Sowjetunion und China heißt es bei Losurdo: „Der Kampf eines ganzen Volkes gegen seine Bestimmung, zur Versklavung verdammt zu sein, kann nicht anders denn als Klassenkampf definiert werden. Aber es handelte sich um einen Klassenkampf, der die Form eines nationalen und antikolonialen Widerstandskrieges angenommen hatte.“ (201) Mehr noch: „Der Kampf gegen dieses Reich, gegründet auf einer internationalen Arbeitsteilung, die eine Rückkehr der Sklaverei in kaum kaschierter Gestalt vorsah, der Kampf gegen diese kolonialistische und sklavenhalterische Konterrevolution, war Klassenkampf par excellence.“ (202)

Betroffen von der faschistischen Willkür waren auch die Frauen. Sie wurden nicht nur wie die Männer rassisch verfolgt bzw. zu Untermenschen erklärt. Der Faschismus sah darüber hinaus besondere Demütigungen für sie vor. Man beraubte sie ihrer zuvor mühsam errungenen wenigen Rechte auf Gleichstellung, sie wurden aus dem Arbeitsleben gedrängt und auf den Status von Gebärmaschinen degradiert. Indem Abtreibung noch unerbittlicher als zuvor verfolgt wurde, wurden sie massenhaft Opfer einer unmenschlichen Justiz. Und in den von Japan versklavten asiatischen Ländern wurden sie als sogenannte „Trostfrauen“ missbraucht, um die Kampfmoral der Soldaten aufrecht zu erhalten.

Erst unter Aufbietung aller Kräfte und unter ungeheuren Opfern konnte der Faschismus, erst in Europa und dann auch in Asien besiegt werden. Dabei kämpften die Völker der Sowjetunion und die Sozialisten und Kommunisten der unterworfenen Länder Seite an Seite mit kapitalistischen, ja imperialistischen Staaten. Doch es war vor allem der Sozialismus, der davon profitierte: „Der Versuch des Dritten Reiches, die Kolonialtradition aufzugreifen und sie dahingehend zu radikalisieren, eine neue Ordnung der Sklaverei gegenüber den slawischen Völkern in Osteuropa zu errichten, endete in einem Debakel. Das Ansehen und der Einfluss der UdSSR und der kommunistischen Bewegung erlangten einen Höhepunkt.“ (327) Mit dem Sieg wurde die Voraussetzung für jene Weltordnung geschaffen, die bis 1989/91 Bestand hatte und in der der Sozialismus eine beispiellose Stärke errang. Ein Teil davon war die DDR, die gelegentlich auch als die größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung bezeichnet wird.

Und dieser Kampf gegen den Faschismus soll kein Klassenkampf gewesen sein? Zu einem solchen Urteil können nur jene kommen, die über einen verkürzten Klassenkampfbegriff verfügen, die darunter nur den unmittelbaren Konflikt zwischen Kapitalisten und Arbeitern verstehen. Sie unterliegen damit einem schematischen Denken, das Losurdo als „binäre Lesart des Konflikts“(128, 341) bezeichnet. Die Kämpfe gegen die Unterdrückung der Rassen und der Frauen würden danach nicht dazu gehören. Und auch „der ausgefochtene Kampf einer Nation für eben jene politische Emanzipation wäre mithin kein Klassenkampf“. (24) In seinem Buch stellt er dem einen umfassenden Begriff von Klassenkampf entgegen, in dem die Kämpfe gegen die Diskriminierung der Arbeit gleichberechtigt neben den gegen Rassenungleichheit und für die Emanzipation der Frauen stehen. Überwölbt werden sie vom Eintreten für die nationale Befreiung, vom Kampf gegen den Imperialismus. Der Autor knüpft dabei an frühere Aussagen von ihm an, etwa in seinem Buch Das 20. Jahrhundert begreifen, in dem er von der Notwendigkeit spricht, für die „Überwindung der drei großen Diskriminierungen – nämlich der rassischen, zensusbedingten und sexuellen“[ii] zu kämpfen, wobei hier „zensusbedingt“ sowohl für die Diskriminierung der unteren sozialen Schichten bei Wahlen steht, der es ihnen unmöglich macht, ihre Forderungen auf parlamentarischer Ebene zur Geltung zu bringen als auch für den generellen Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht, der in Europa erst im 20. Jahrhundert mühsam Schritt um Schritt aufgehoben wird. Nur wenn man alle drei Diskriminierungen in Blick nimmt, kann man erfolgreich den Kampf gegen den Kapitalismus in seiner Gesamtheit führen: „Das ῾Zwangsverhältnis῾ besteht in der Gesellschaft zwischen Kapital und Arbeit, aber dieselben Überlegungen lassen sich für die anderen beiden Verhältnisse anstellen. Die drei Kämpfe um Emanzipation stellen die drei ῾Zwangsverhältnisse῾ in Frage, die das kapitalistische System in seiner Gesamtheit konstituieren.“ (66)

Nationale Befreiung und Abschaffung der Sklaverei als Bestandteile des Klassenkampfs

Im Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels steht der berühmt gewordene Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“[iii] Nach Losurdo sollte man diesen apodiktischen Satz in seiner zweifachen Bedeutung verstehen: „Erstens gestaltet sich die Theorie des Klassenkampfs kraft ihres Anspruchs, die Totalität des historischen Prozesses zu erfassen, als eine allgemeine Theorie des gesellschaftlichen Konflikts.“(64)(…) Und: „Zweitens hebt die Marxsche Theorie den Klassenkampf auf das Terrain der Geschichte und sorgt damit für einen epistemologischen (für einen erkenntnistheoretischen, A.W.) Bruch mit den naturalistischen Ideologien.“ (65)

In ihrem eigenen politischen Leben haben Marx und Engels immer wieder gezeigt, dass sie den Klassenkampf als Totalität des historischen Prozesses begriffen. So war der Kampf des irischen Volkes um seine Unabhängigkeit von England für sie nicht eine Angelegenheit, die sie etwa nur beiläufig zur Kenntnis nahmen. Ganz im Gegenteil: „Bereits in seinen ersten Schriften und Beiträgen spricht sich Engels für die ῾Befreiung Irlands῾ aus.“ (17) Seitdem wird ihn das Schicksal des vom englischen Kolonialismus geschundenen Volkes nicht mehr loslassen. Über seine irische Lebenspartnerin und Ehefrau, die militante irische Freiheitskämpferin Lizzi Burns, besteht auch eine enge persönliche Beziehung zur Insel. Als 1869 Engels nach seinem Ausscheiden aus der väterlichen Firma endlich mehr Zeit für wissenschaftliche Studien hat, plant er als erstes ein umfangreiches Werk über irische Geschichte, Geographie, Wirtschafts- und Völkerkunde sowie Archäologie. Sein Interesse gilt dem Nachweis, dass es sich bei den Iren mitnichten – wie von den englischen Kolonisatoren immer wieder als Schutzbehauptung für ihr räuberisches Verhalten behauptet – um ein rohes und ungebildetes Volk handele. Auf einer ausgedehnten Reise über die grüne Insel studiert er hierfür, gemeinsam mit seiner Frau und Marx῾ Tochter Eleanor, Land und Leute. Zur Vorbereitung des Buches stellt Engels umfangreiche Material- und Literatursammlungen zusammen. Um auch irische Dokumente studieren zu können, erlernt er sogar die gälische Sprache. Von dem geplanten Werk schließt er aber nur das erste Kapitel ab. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und der Kampf der Pariser Kommune sollen bald seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Zur Wiederaufnahme der Arbeit an seinem Irlandbuch wird es nicht mehr kommen.

Auch Marx beschäftigt sich sein Leben lang mit der Situation Irlands. Bei der Abfassung des 24. Kapitels des ersten Bandes des Kapitals, Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, orientiert er sich am Werdegang der Kolonisierung der Insel. Berichtet wird, dass er „ebenso wie seine ganze Familie für das unglückliche, unterdrückte Irland tiefes Mitgefühl hatte. Tussy (Eleanor, die dritte Tochter von Jenny und Karl Marx, A.W.) soll dies lange Zeit dadurch auch äußerlich gezeigt haben, dass sie Grün zu ihrer Lieblingsfarbe machte und sich meist grün kleidete.“[iv]

In dem 1975 in der DDR erschienenen Buch Irland, Insel in Aufruhr wurden die in Briefen, Zeitungsartikeln und Buchabschnitten verstreuten Äußerungen der beiden zu Irland zusammengefasst. Diese Dokumentensammlung umfasst nicht weniger als 250 Seiten.[v]

Auch für den Freiheitskampf des polnischen Volkes zeigten die beiden Klassiker ihr Leben lang große Empathie. Die Gründung der Ersten Internationale am 28. September 1864 hatte nicht etwa einen Arbeiteraufstand oder einen Streik zum Anlass, sondern ging auf eine Versammlung englischer Arbeiter in St. James Hall in London zurück, die der Solidaritätsbekundung mit dem aufständischen Polen diente. Über die Arbeit der Internationale heißt es in einem zeitgenössischen Dokument: „In den Sitzungen des Zentralrats vom Jahre 1865 wurde neben der Organisationsfrage und der Arbeiterfrage auch die Lage der Polen lebhaft diskutiert. Marx war ein großer Polenfreund. Er wurde nicht müde, uns über die Bedeutung eines freien, selbständigen Polens aufzuklären. (…) Überhaupt war Marx bemüht, alle größeren politischen Fragen in den Bereich unserer Diskussionen zu ziehen und die Arbeiter zu befähigen, ῾in die Mysterien der internationalen Staatskunst einzudringen und die diplomatischen Streiche der Regierungen zu überwachen.῾“[vi]

Marx begrüßte ausdrücklich, dass sich Vertreter des polnischen Adels auf die Seite des für die Freiheit und gegen den russischen Zarismus kämpfenden Volkes stellten. Natürlich war es ihm nicht entgangen, dass diese Feudalherren die ihnen unterworfenen Bauern in einer besonders widerwärtigen Weise unterdrückten. Doch ihre aktive Teilnahme am nationalen Kampf wog für ihn schwerer, da erst in einem eigenständigen, demokratischen Polen überhaupt die Chance gegeben war, auch den Kampf um die Befreiung der Bauern aufzunehmen. Marx nahm also eine Hierarchisierung des Klassenkampfs vor, was heißt, in einer konkreten geschichtlichen Situation zu entscheiden, welches Unterdrückungsverhältnis vordringlich zu bekämpfen ist.

Nach Losurdo ist für Marx „der Kampf für die Emanzipation der unterdrückten Nationen nicht weniger wichtig als der Kampf für die Emanzipation des Proletariats. Beide Kämpfe werden mit derselben Leidenschaft verfolgt und betrieben.“ (17) Und an anderer Stelle heißt es: „Festzuhalten bleibt, dass das Interesse und die Leidenschaft, mit denen er die ῾Erhebungen von unterdrückten Nationalitäten῾ verfolgt, nicht Ausdruck einer Ablenkung vom Klassenkampf sind, sondern der Anstrengung, dessen konkrete Manifestationen zu begreifen. Die unterdrückten Nationen sind aufgerufen, die Protagonisten des zweiten großen Klassenkampfs für die Emanzipation zu sein.“ (27)

Vergleichbares gilt für das entschiedene Eintreten von Marx und Engels für die Abschaffung der Sklaverei. Auch hier gilt, dass erst der Erfolg an dieser Front des Klassenkampfs günstigere Bedingungen für den Kampf auch gegen die Lohnsklaverei bietet: „Vor allem aber habe die Emanzipation der wirklichen Sklavenarbeit ῾in schwarzer Haut῾, also der ῾Abolitionskrieg῾ der Union gegen die sezessionistischen Sklavenhalterstaaten des Südens, günstigere Bedingungen zur Emanzipation der Arbeit ῾in weißer Haut῾ geschaffen.“ (41) Denn die Sklaverei ist immer auch Ausdruck der Verachtung der produktiven Arbeit allgemein: „In einer Gesellschaft, wie jener im Süden der USA, wo auch nach der formalen Aufhebung des Instituts der Sklaverei die herrschende Oligarchie hochmütig ihren Müßiggang pflegte und alle ῾produktive Arbeit῾ den Schwarzen aufbürdete, manifestierte sich die soziale Arroganz als rassistische, und die Verachtung der ῾produktiven Arbeit῾ war zugleich die Verachtung der zur Dienerschaft gezwungenen geknechteten oder halbgeknechteten ῾Rasse῾.“ (50)

Die feministische Bewegung

Bleibt der Kampf gegen das dritte „Zwangsverhältnis“, der Kampf für die Befreiung der Frau. Verlangt wird, die immer noch weit verbreitete Haltung, den Geschlechterwiderspruch als bloßen „Nebenwiderspruch“ des sozialen Konflikts zu behandeln, abzulegen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass sowohl Marx als auch Engels Frauen in einem hohen Maße achteten und ihre Begabungen förderten. Doch das betraf nur den privaten Bereich. In ihrem theoretischen und politischen Wirken spielte für sie die Lage der Frau keine besondere Rolle. Das kann auch nicht verwundern, begann sich eine eigenständige feministische Bewegung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln, und dann initiiert fast ausschließlich von Frauen aus dem Bürgertum. Die sozialistische Bewegung fand erst 1879 mit August Bebels Buch Die Frau und der Sozialismus Anschluss an die neue Emanzipationsbewegung. Losurdo bezeichnet dieses Werk als Beweis für die damit hergestellte „vielfältige Verbindung“ der feministischen Bewegung „mit der Arbeiterbewegung“. Weitere Belege führt er aber nicht an. So hätte sich etwa angeboten, hier auf Clara Zetkins Wirken einzugehen, die von 1891 bis 1917 Herausgeberin der sozialistischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit (bzw. deren Vorläuferin Die Arbeiterin)war. Auch das Wirken der russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai bleibt unerwähnt.

Der Kampf um Anerkennung

Wie kann nun der Kampf gegen die „drei großen Diskriminierungen“ geführt werden? Nach Losurdo besitzt der Begriff der Anerkennung hier eine zentrale Bedeutung. In dem Verlangen nach ihr sieht er das leitende Motiv: „Der Aufruf zu Klassenkampf auf allen Ebenen, lanciert von Marx und Engels, fällt in eine Zeit, in der die Forderung nach Anerkennung, vorgebracht von denjenigen, die sich auf die eine oder andere Weise ausgegrenzt und in ihrer menschlichen Würde gedemütigt und missachtet fühlen, weit verbreitet war.“ (98) Marx und Engels nehmen dabei „über die Einkommensverteilung hinaus die Zwangsverhältnisse und die Entmenschlichungsprozesse in den Blick, die die kapitalistische Gesellschaft konstituieren“. (118)

Als genauer Kenner der Schriften Hegels verwendet der Autor den Begriff der Anerkennung in dessen Tradition: „Der Ausgangspunkt kann gleichwohl in Hegels Phänomenologie des Geistes und in der dort entfalteten ῾Herr-Knecht-Dialektik῾ ermittelt werden“. (101) In der Enzyklopädie der politischen Wissenschaften sagt Hegel: „Nur so kommt die wahre Freiheit zustande; denn da diese in der Identität meiner mit dem anderen besteht, so bin ich wahrhaft nur dann frei, wenn auch der andere frei ist und von mir als frei anerkannt wird.“[vii] Und über Hegels Verständnis von Anerkennung heißt es in der Europäischen Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften: „Die ῾Formen des Praktischen῾ in der Familie, dem ῾System von Eigentum und Recht῾ und dem Staat werden zunehmend als Stufen eines teleologischen (von Zwecken bestimmten, A.W.) Prozesses durchsichtig, in dem die Momente der Anerkennung sich schrittweise entfalten bis zur vollständigen Realisierung in den Institutionen der absoluten Sittlichkeit.“ [viii] Eine „vollständige Realisierung“ der „Institutionen der absoluten Sittlichkeit“ wird es aber niemals geben. Eine solche Vorstellung ist Ausdruck des idealistischen Denkens Hegels. Doch weiterhin aktuell ist das Ziel, „eine neue sittliche Situation herbeizuführen, in der der Appell an den guten Willen und an das Gewissen des Einzelnen (oder auch an eine ganze Klasse von reichen Individuen oder an die Regierungen reicher Länder) überflüssig oder nebensächlich wird.“[ix] Diese „neue sittliche Situation“ fixiert sich als Ergebnis von Klassenkämpfen in den jeweiligen staatlichen Ordnungen, deren Verfassungen „in Form von Klassenkompromissen“, wie es Wolfgang Abendroth formuliert hat, den jeweiligen Stand des Klassenkampfs widerspiegeln.

Der Kampf um Anerkennung ist vor Rückschlägen nicht gefeit. Dies zeigte sich bei der Auflösung des europäischen Sozialismus, und dies ist heute angesichts des andauernden Abbaus des Sozialstaats im Westen weiterhin zu beobachten. Dennoch gilt für Losurdo, dass (…) „die Analyse des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit eine Analyse der Geschichte der fortschrittlichen Emanzipation der Arbeit (ist), die, wenn auch nur teilweise, schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft stattfindet und vermöge des Klassenkampfs erreicht werden kann.“ (84) Seine Schlussfolgerung daraus lautet: „Der emanzipatorische Klassenkampf hebt den Interessengegensatz der Ausbeuter und der Unterdrückten teilweise auf.“ (95) Er erteilt damit all jenen eine Absage, die in der Erringung des Sozialstaats keinen geschichtlichen Fortschritt, sondern lediglich einen Betrug am Proletariat erkennen können, der allein darauf zielt, dessen revolutionäre Kräfte zu lähmen.

Das „Anerkennungsparadigma“ (121) gilt nach Losurdo aber nicht nur auf nationaler Ebene zwischen den Klassen. Auch international, beim Verkehr zwischen den Völkern, findet es Anwendung. Mit Blick auf die Haltung von Marx und Engels gegenüber dem polnischen Freiheitskampf und ihrer Forderung nach Unabhängigkeit für Irland zitiert der Autor den berühmten gewordenen Satz von Marx: „Das Volk, das ein anderes unterjocht, schmiedet seine eigenen Ketten.“ Wobei aber die Unterstützung der irischen Selbständigkeit für Marx in erster Linie den Zweck hatte, die englische Bourgeoisie politisch und militärisch zu schwächen. In der 1870 von Marx verfassten Konfidentiellen Mitteilung für den Ausschuss der Sozialdemokratischen Arbeiterparteiheißt es denn auch: „Der Standpunkt der Internationalen Assoziation in der irischen Frage ist also völlig klar: Ihre erste Aufgabe ist es, die soziale Revolution in England zu beschleunigen. Zu diesem Zweck muss man den entscheidenden Schlag in Irland führen. [x]

Eine solche Position, die im Eintreten für antikolonialistische Befreiungsbewegungen in erster Linie nur eine Hilfe für die Arbeiterbewegungen in den kapitalistischen Zentren sieht, ist heute nicht mehr haltbar. Die 1870 formulierte Unterstützung des irischen Befreiungskampfs stellte dennoch einen großen Fortschritt dar, hatten doch Marx und Engels in früheren Jahren den Standpunkt vertreten, dass Irland seine Freiheit nur dank der revolutionären Arbeiterbewegung der unterdrückenden Nation England, also nach einer Revolution dort, erhalten könne. Diese Position war, mit Blick auf die überseeischen Besitzungen der Kolonialländer, noch lange, sowohl in der reformistischen als auch in der revolutionären Arbeiterbewegung verbreitet. „So hielt die Kommunistische Internationale in ihren Anfängen 1919 noch an der Hypothese fest, die Revolution in den Metropolen sei Vorbedingung für die Emanzipation in den Kolonien; aber das Scheitern der Revolution in Westeuropa richtete die revolutionäre Hoffnung auf den Osten, auf die unterdrückten Nationen, auf jene ῾Milliarde Menschen῾, in der die leninistische Analyse des Imperialismus eine neue Chance für die Weltrevolution sah.“[xi]

Gegen die „binäre Lesart“ des Klassenkonflikts

Losurdo macht die „binäre Lesart des sozialen Konflikts“ für die „Verstümmelung des Klassenkampfes“ (128) verantwortlich. Bereits bei Proudhon und Lassalle finde sich dieses Denken. Aber auch beim jungen Marx und dem jungen Engels sieht der Autor eine Reduktion auf die „binäre Logik“. Als Grund dafür nennt er die zu großen Hoffnungen der beiden gegenüber der sich zunächst stürmisch entwickelnden Arbeiterbewegung. Das führte zu ihrer Überschätzung und zu dem Glauben, dass sich die vielfältigen gesellschaftlichen Widersprüche auf einen einzigen Widerspruch reduzieren ließe. Ausdruck davon ist jene Formulierung im Kommunistischen Manifests, in der vorhergesagt wird, dass es bald nur noch zwei Klassen geben werde: „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“[xii] Losurdo sieht hierin ein sensualistisches Verhalten, was bestimmte sinnliche Eindrücke verabsolutiert. Im Gegensatz dazu setze „ein angemessenes Verständnis einer konkreten historischen Situation die Überwindung der gewohnten binären Logik voraus, die alles von einem einzigen Widerspruch ausgehend zu erklären behauptet.“ (134) Selbst Marx und Engels gelinge es nicht, sich aus diesem Denken vollständig zu befreien: „Bei Marx und Engels stellte sich diese Überwindung als ein mühseliges und letztlich unvollendetes Unterfangen dar.“ (134) Es blieb letztlich beim „Kampf von Klasse gegen Klasse“ (135).

„In Wahrheit war (die sozialistische Bewegung, A.W.) allen drei Fronten des emanzipatorischen Klassenkampfs gleichzeitig zugewandt“. (95) Eine Haltung hingegen, „den Klassenkampf in reduktionistischen und vulgärökonomischen Termini zu lesen, ist liberale Tradition“ (97), denn dabei wird er auf den Kampf um die bloße Umverteilung reduziert. Die Liberalen sehen denn auch die sozialistische Bewegung „einzig angetrieben von materiellen Interessen und von der Erlangung ökonomischer Gleichheit.“ (97)

Dem gegenüber steht der „reale Humanismus“, der dem „kategorischen Imperativ“ verpflichtet bleibt, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.[xiii] Losurdos Schlussfolgerung für einen künftigen revolutionären Prozess lautet daher: „So getreulich und erbarmungslos sie auch sein mag, die Beschreibung der bestehenden Gesellschaft wird niemals für sich allein zur revolutionären Tat mit dem Ziel ihres Umsturzes stimulieren, sofern nicht eine moralische Verurteilung hinzukommt.“ (107)

Für den Autor ist es daher höchste Zeit, aus dem Ausbleiben einer reinen Arbeiterrevolution endlich Konsequenzen zu ziehen und die Klassenkampftheorie weiterzuentwickeln: „Revolutionäres Bewusstsein erwächst nicht aus der angeblichen empirischen Evidenz, es hat zu seiner Voraussetzung das Verständnis der politischen und sozialen Beziehungen, die weit über den Konflikt zwischen Bourgeoisie und Proletariat hinausgehen.“ (142) Zur Kenntnis genommen werden müsse, dass eine „reine“, sich nur aus dem Konflikt zwischen Kapitalisten und Proletariern entwickelte Revolution bisher nicht stattgefunden hat und sehr wahrscheinlich auch nie ereignen wird. „Fest steht: Keine Internationale hat je eine Revolution verwirklicht.“ (208) Die unter dem Banner des Sozialismus erfolgreichen Revolutionen waren nur deshalb siegreich, weil sie ihre Dynamiken erst aus dem Kampf gegen nationale Unterdrückung erhielten. So war es in China, Albanien, Jugoslawien, Korea, Vietnam und in Kuba. Und so ist es heute bei den revolutionären Prozessen in Lateinamerika, in Venezuela, Bolivien, Ecuador und Nicaragua. Im Mittelpunkt steht regelmäßig der Kampf gegen nationale Bevormundung, ausgeübt vor allem durch die USA. „Patria o Muerte“, Vaterland oder Tod, lautete denn auch der Schlachtruf der kubanischen Revolutionäre.

Aber auch die Oktoberrevolution kann nach Losurdo nur verstanden werden, berücksichtigt man, dass ihr im Sommer 1917 unmittelbar eine Phase vorausging, in der die bereits geschlagene russische Armee, und damit das gesamte Land auf Befehl des Chefs der russischen Übergangsregierung Alexander Kerenski den Interessen Großbritanniens und Frankreichs im Weltkrieg geopfert werden sollte. Der Rote Oktober vereitelte das und befreite Russland aus der Abhängigkeit des westlichen Imperialismus. Die anschließend etablierte Sowjetmacht wäre nicht zu halten gewesen, hätte sie zur Abwehr gegen die in das Land eindringenden imperialistischen Invasoren nicht alle patriotischen Kräfte mobilisieren können. Losurdo zitiert Stalin zum Verständnis dieser Zeit: „Die Entente versuchte mit allen Mitteln, das Land zur Fortführung des Krieges zu drängen. Es sollte ausbluten und auf bestimmte Weise in ῾eine Kolonie Englands, Amerikas und Frankreichs῾ verwandelt werden. Schlimmer noch, man führte sich in Russland auf, als befände man sich in ῾Zentralafrika῾. Die Menschewisten, die sich dem imperialistischen Diktat beugten, machten sich anfällig für den ῾allmählichen Ausverkauf Russlands an ausländische Kapitalisten῾, lieferten das Land dem ῾Ruin῾ aus und erwiesen sich damit als die wahren ῾Verräter῾ der Nation. Im Gegensatz dazu befördere die zu vollendende proletarische Revolution nicht nur die Emanzipation der Volksklassen, sondern bahne ῾den Weg für die wirkliche Befreiung Russlands῾“ (186 f.)

Losurdo sieht sich in seinem Beharren auf einem weiten, politischen Klassenkampfbegriff in Übereinstimmung mit Lenin und hier vor allem mit dessen Aussagen in der Schrift Was tun? : „Die Aneignung von Klassenbewusstsein und die Teilnahme am revolutionären Klassenkampf hat das Verständnis der gesellschaftlichen Totalität in all ihren Aspekten zur Voraussetzung.“ (174) Er zitiert Lenin: „Notwendig ist ῾eine Organisation von Revolutionären (…), die fähig sind, den gesamten Befreiungskampf des Proletariats zu leiten.“[xiv]. Losurdo fasst zusammen: „So oder so, Lenin kommt das Verdienst zu, die binäre Lesart des Klassenkampfs überwunden und mit der sensualistischen Erkenntnistheorie der Frühschriften von Marx und Engels gebrochen zu haben. Gerade deshalb war er in der Lage, mit erstaunlicher Klarheit die Entwicklungen jenes Jahrhunderts vorwegzunehmen, das sich ohne die zunächst erkenntnistheoretischen und dann politischen Lehren dieses großen russischen Revolutionärs eben nicht verstehen lässt.“(182 f.) Neben Lenin bezieht sich Losurdo auch auf Antonio Gramsci, der verlangt hatte, dass die Arbeiter auch „als Angehörige einer Klasse denken, die sich anschickt, die Bauern und die Intellektuellen zu führen, einer Klasse, die nur dann siegen und den Sozialismus aufbauen kann, wenn ihr die große Mehrheit dieser gesellschaftlichen Schichten hilft und ihr folgt. Gelingt ihr das nicht, wird das Proletariat nicht zur führenden Klasse.“ (264) Losurdo kommt zu folgender Schlussfolgerung: „Letztlich hat sich das Organisationsmodell der Internationale deshalb als inadäquat erwiesen, weil sie oftmals von einem Klassenkampf in seiner reinen Form ausging, der sich doch ziemlich selten so zutrug, und weil sie eine sozialistische Revolution in ebenfalls reiner Form erwartete, wie sie indes niemals eingetreten ist und auch niemals eintreten wird.“ (210)

Der ökonomische Klassenkampf

Mit der erfolgreichen Revolution endet der Klassenkampf keineswegs. So wichtig die Eroberung der Staatsmacht auch ist, erst der sich anschließende Kampf um die Ökonomie entscheidet über das Überleben der Revolution: „Lenin war sich über die Umstände im Klaren (…): ῾Nach der Eroberung der Staatsmacht besteht das wichtigste und grundlegende Interesse des Proletariats in der Vergrößerung der Produktenmenge und der gewaltigen Steigerung der Produktivkräfte der Gesellschaft῾“ (260 f.) Nach dem großen Revolutionär Lenin ist „῾dies ist auch eine Form des Kampfes, ist eine Fortsetzung des Klassenkampfes in anderer Form῾“ (261).

In der Theorie des Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung blieb dieses Bewusstsein zwar weiter präsent, so hieß es im Philosophischen Wörterbuch, herausgegeben in der DDR: „Mit dem Entstehen sozialistischer Staaten tritt der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat im Weltmaßstab in eine neue, höhere Etappe seiner Entwicklung ein.“ Gesprochen wurde sogar von einer „neuen, höheren Etappe des Klassenkampfs (…)“[xv] Doch es war eine Illusion zu glauben, dass man auf dem besten Weg gewesen sei, diesen Kampf auch zu gewinnen. Die immer wieder beschworenen „ständig wachsenden Erfolge des sozialistischen Weltsystems“ entsprachen leider nicht der Realität. So führte in erster Linie die Niederlage an der ökonomischen Front erst zum Niedergang und dann zur Auflösung des europäischen sozialistischen Systems. Auch die heutigen sozialistischen Anläufe in Lateinamerika drohen an der Frage der Ökonomie zu scheitern.

Losurdo zieht aus dem Scheitern des Sozialismus folgende Schlussfolgerung: „Die Entdeckung der Objektivität des gesellschaftlichen Seins erwies sich auf ökonomischem Gebiet als besonders mühselig. Zu lange hatte sich die kommunistische Bewegung hinter einer idealistischen Haltung verschanzt und sich der Einsicht verweigert, dass der siegreiche Klassenkampf nichts mit der Schaffung des ῾neuen Menschen῾ ex nihilo zu tun hat, der einzig von edlen Idealen angetrieben und für materielle Interessen ganz und gar taub sei.“ (286) Und allgemeiner formuliert: „Der Idealismus der Praxis und die Zuschreibung des Klassenkampfs als einer souveränen Macht der Umgestaltung (gar der Beseitigung) des gesellschaftlichen Seins des Staates, der Nation, der Religion, des Marktes  etc. haben maßgeblich zur zwischen 1989 und 1991 erfolgten Niederlage des sozialistischen Projekts beigetragen. Diese Vision wirkte in schwierigen oder auch tragischen Situationen wie eine Art Droge, reizte mit ihrer emphatischen Erwartungshaltung zum Kampf um die gesellschaftliche Umwandlung. Die Erschöpfung war dann der Zustand des realen Sozialismus in Osteuropa am Vorabend seines Sturzes.“ (293)

Vor diesem Hintergrund bekennt sich der Autor zu dem Weg der KP Chinas, zunächst die Etappe einer sozialistischen Marktwirtschaft zu beschreiten: „Die wahre Wende hat mit dem Machtantritt Deng Xiaopings in China stattgefunden. (…) Es ist dieser Moment in der Geschichte des Sozialismus, an dem die Würdigung des Marktes und des Wettbewerbs als Motor der Produktivkraftentwicklung (…) zur Kenntnis genommen wird.“ (286) Entschieden verurteilt der Autor alle Wertungen, die in dieser sozialistischen Marktwirtschaft nichts anderes als eine Rückkehr des Kapitalismus nach China sehen können. Losurdo zieht Parallelen zur NÖP-Periode am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion. Bereits damals wurde aus den sich aus dieser Politik ergebenden wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheiten der Schluss gezogen, dass Lenin vollständig gescheitert sei und in seiner Not zu den brutalsten kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen Zuflucht hätte nehmen müssen. Vor allem Sozialdemokraten im Westen polemisierten so. Ganz ähnlich wird heute über China gesprochen. Doch der sozialdemokratische Trade-Unionismus „verkündet zwar, gegen die Ungleichheit kämpfen zu wollen, vorausgesetzt aber, dass es sich dabei nicht um die ῾globale Ungleichheit῾ handelt, die doch so gewaltträchtig ist und zwischen den Menschen den tiefsten Graben schürft.“ (353) Solange China unter Führung der Kommunistischen Partei steht, könne, davon zeigt sich Losurdo überzeugt, von einer Machtübernahme durch die Bourgeoisie und damit von einer Renaissance des Kapitalismus nicht gesprochen Rede werden.

Gegen Populismus

Das Schlusskapitel seines Buches widmet der Autor unter der Überschrift Der Klassenkampf zwischen Marxismus und Populismus der Auseinandersetzung mit diesem alten aber heute von vielen Linken erneut als zeitgemäße Strategie angesehenen politischen Ansatz. Der Vorwurf des Rechts- wie Linkspopulismus ist heute allgegenwärtig. Von den herrschenden Eliten wird er vor allem dann erhoben, wenn sie um die Absicherung ihrer Politik besorgt sind. Dabei handelt es sich aber um Polemik, die darauf zielt, Debatten über gesellschaftliche Missstände abzuwürgen bzw. sie gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Um diese aktuelle politische Bedeutung des Begriffs geht es Losurdo aber nicht. Ihm geht es um jenen Populismus, der von Beginn an in der sozialistischen Arbeiterbewegung in den verschiedensten Varianten präsent ist. Als „Volkstümlertun“ war er am Ende des 19. Jahrhunderts in Russland eine einflussreiche Bewegung. Lenin bezeichnete ihn als kleinbürgerlichen Pseudosozialismus. Losurdo setzt sich in seiner Kritik am Populismus vor allem mit den Aussagen der französischen Philosophin Simone Weil auseinander, die ihre Schriften in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts veröffentlichte. Heute kann man als klassische linke Populismusbewegungen „Occupy Wallstreet“, die spanischen „Idignados“ (Empörte) oder die französische Bewegung „Nuit debout“ bezeichnen. Die Übergänge zum Anarchismus sind in solchen Bewegungen stets fließend. 

Den Populismus verurteilt Losurdo nicht minder wie die Reduzierung des Klassenkonflikts auf die trade-unionistische „binäre Lesart, denn auch der Populismus postuliert einen binären Konflikt, diesmal einen zwischen Oben und Unten, zwischen Etablierten und Volk. Das in der modernen Geschichte immer wieder neu zu beobachtende Aufkommen von populistischen Bewegungen ist nach Losurdo einem spontanen Impuls geschuldet: „Die großen Volksreligionen, die Massenerhebungen der subalternen Klassen hatten immer die Tendenz, einen spontanen und einfältigen Populismus hervorzubringen, der den Aufstand derer ersehnte bzw. feierte, die sich auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie befanden – den Aufstand der Armen und der ῾Armen im Geiste῾.“ (215)

Losurdo weist in seinem Buch in vielen Beispielen darauf hin, wie notwendig es ist, die populistische Sichtweise zu überwinden, „der zufolge der einzige Klassenkampf, der diesen Namen verdient, der Kampf jener ist, die gehorchen, gegen jene, die befehlen“. Wer an diesem Denken festhalte, verweigere „sich der nüchternen Analyse der Klassen und Klassenkämpfe (im Innern wie international), um sie durch einen mythologischen Glauben an die rettenden Werte des 'Volkes' und der 'Massen' zu ersetzen“ (401). Das simple Bild vom alleinigen Gegensatz von Oben und Unten kann die Komplexität des gesellschaftlichen Prozesses nicht erfassen. So wird es etwa unter den Freiheitskämpfern eines unterdrückten Volkes immer auch Menschen geben, die sehr viel vermögender sind als der Durchschnitt der Lohnabhängigen des unterdrückenden Landes. Und unter den Protagonisten der Frauenbewegung als auch unter den gegen die Rassendiskriminierung Kämpfenden wird es immer Bessergestellte, ja sogar Vermögende geben. Und was die kapitalistische Ökonomie angeht, so befinden sich unter den Kapitalisten regelmäßig auch solche, die auf der Seite des Fortschritts stehen aber zugleich Ausbeuter sind. Sollte man sich deshalb von ihnen distanzieren? Dies wäre töricht. Linke Populisten verlangen aber genau das. Dies ist immer auch eine „Flucht vor der Komplexität.“ (391)

Der Autor deutet nur an, worin für ihn stattdessen die adäquate sozialistische Organisationsform besteht. Er nennt hierzu „Parteien, die imstande wären, der wachsenden Unzufriedenheit der Massen einen organisierten Ausdruck zu verleihen.“ (406) Solche Organisationen hatte es mit den sozialdemokratischen und kommunistischen Massenparteien bereits gegeben, Die heutigen europäischen Linksparteien sind von deren einstiger Stärke leider weit entfernt. Sie entwickeln sich vielmehr selbst zu populistischen Bewegungen.[xvi] Und so gibt es „daher für die Kapitalgewaltigen keinen Grund, besonders verängstigt zu sein.“ (406)

Zur Aktualität des Buches

Der Begriff „Klassenkampf“ ist heute längst zum Fetisch geworden, er hat sich verselbständigt. Würde man unter Linken eine Umfrage durchführen, was sie darunter verstehen, so würde man wahrscheinlich hören, dass er sich in Streiks, Aussperrungen, Demonstrationen und Betriebsbesetzungen zeigt, nicht aber im gleichzeitigen Kampf gegen die „drei Diskriminierungen“ und für nationale Befreiung, gegen den Imperialismus. Am radikalsten findet sich dieses, auf die binäre Sichtweise „Klasse gegen Klasse“ reduzierte Denken heute in trotzkistischen Gruppen bzw. in Teilen der traditionellen kommunistischen Bewegung, repräsentiert etwa durch die Kommunistische Partei Griechenlands. Diese enge Bindung des Klassenkampfbegriffs ausschließlich an den Gegensatz von Proletariat und Kapitalisten lässt ihn, angesichts der tiefen Krise der traditionellen Arbeiterbewegung, in den Augen vieler obsolet erscheinen.

Mit seinem Buch verfolgt Domenico Losurdos das Ziel, diesen Terminus wieder in das Zentrum sozialistischer Strategie zu rücken, ihn zurückkehren zu lassen. Deshalb heißt der vollständige Buchtitel ja auch Der Klassenkampf oder die Rückkehr des Verdrängten? Diese Rekonstruktion des Klassenkampfbegriffs gelingt ihm, in dem er die ganze Breite der marxistischen Theorie aufzeigt, die neben den klassischen ökonomischen Texten auch die vielfältigen politischen Interventionen von Marx und Engels umfasst. Es ist der ganze Marxismus, der hier dem Leser präsentiert wird. Damit stellt das Werk zugleich eine Absage an die Positionen von Louis Althusser dar, für den die humanistischen Schriften des jungen Marx im späteren Werk „überwunden“ waren, indem „die humanistische Rhetorik vom historischen Materialismus oder besser von der Wissenschaft der Geschichte verdrängt worden sei.“ (103) Schon gar nichts haben die Positionen Losurdos zu tun mit der heutigen „modernen Marxlektüre“, die den großen Revolutionär auf das Niveau eines interessanten Ökonomen herunterbringen will und dabei das Ziel verfolgt, seine politischen Positionen vergessen zu machen.

Doch, so ist abschließend zu fragen, führt der Rat Losurdos, den Klassenkampfbegriff weit zu fassen und darunter den Kampf gegen gleich „drei große Diskriminierungen“ sowie für nationale Befreiung zu verstehen, nicht am Ende zu einem undurchschaubaren Ensemble gesellschaftlicher Kämpfe, die alle irgendwie gleichwichtig wie unwichtig sind? Haben wir es somit nur noch mit einem bunten Patchwork bzw. einem Mosaik von Bewegungen zu tun? Doch das ist nicht die Position von Losurdo. Nach ihm müsse „die Verstümmelung des Klassenkampfes zwar abgewehrt werden“, (…) das bedeute aber nicht, man dürfe ignorieren, dass sich historische Situationen ergeben können, die mitunter eine Hierarchisierung der Klassenkämpfe erzwingen.“ (153) Wie am Eingangsbeispiel der historischen Situation von 1941 gezeigt, kann dies sogar notwendig machen, in der Abwehr eines unerträglichen Zustands, wie ihn die Herrschaft des Faschismus darstellte, selbst mit dem Klassengegner in Gestalt der imperialistischen Mächte Großbritannien und die USA zu kooperieren.

Es kommt immer auf eine möglichst genaue konkrete Analyse einer konkreten historischen Situation an. Und es ist zugegebener Maßen nicht leicht, in einer gegebenen Situation den jeweiligen Spielraum für Fortschritt zu erkennen. Er ist zudem oft nur marginal, und er ist fast immer mit schmerzhaften Kompromissen verbunden. Heute wird etwa das fortschrittliche Element in den internationalen Beziehungen vor allem durch Russland und China repräsentiert. Um dies aber erkennen und würdigen zu können, bedarf es aber jener „Hierarchisierung der Klassenkämpfe“, wobei Proteste gegen rückschrittliche Elemente im politischen Leben dieser beiden Mächte, in Russland etwa die Herrschaft der Oligarchen und die große ideologische Bedeutung der Russisch-Orthodoxen Kirche; in China, die weiterhin krasse soziale Ungleichheit und Verstöße gegen die Meinungsfreiheit, zurückzustehen haben. Dazu bedarf es eines Denkens in den dialektischen Kategorien Hegels. Dies leistet das so aktuelle wie unentbehrliche Werk Domenico Losurdos überzeugend.

[i] Domenico Losurdo, Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? PapyRossa Verlag Köln, 2016, 424 Seiten, 24,90 Euro

[ii] Domenico Losurdo, Das 20. Jahrhundert begreifen, PapyRossa Verlag Köln 2013, S. 35
[iii] Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Werke (MEW) Band 4, Berlin 1955-89 ,S.462 [iv] Franziska Kugelmann, in: Gespräche mit Marx und Engels, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, Erster Band, Frankfurt/Main 1973, S. 330
[v] Karl Marx/Friedrich Engels, Irland – Insel im Aufruhr, Berlin 1975
[vi] Friedrich Leßner, in: Gespräche mit Marx und Engels, a. a. O., S. 291 f.
[vii] G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der politischen Wissenschaften III, in: Werke Band 10, Frankfurt/M. 1986, Band 10, S.220
[viii] Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 1, Stichwort Anerkennung, Hamburg 1990, S. 129
[ix] Domenico Losurdo, Hegel und die Freiheit der Modernen, Frankfurt/M. 2000, S, 319
[x] Karl Marx, Konfidentielle Mitteilung, in: Werke (MEW) Band 16, Berlin 1955-89, S. 417
[xi] Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 4, Stichwort Kolonialismus, Berlin 1986, S. 661
[xii] Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, a. a. O., S. 463
[xiii] Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Werke (MEW) Band 1, Berlin 1955-89, S. 385
[xiv] Was tun, in: Werke (LW) Band 5, S. 474
[xv] Georg Klaus/Manfred Buhr (Hrsg.), Philosophisches Wörterbuch, Band 1, Stichwort Klassenkampf, S. 576
[xvi] Vgl. dazu das Kapitel „Syriza als Beispiel für das Scheitern einer populistischen Linkspartei“, in: Andreas Wehr, Der kurze griechische Frühling – Das Scheitern von Syriza und seine Konsequenzen, PapyRossa Verlag Köln, 2016, S. 179 ff.